Kultur : City Lights

Frank Noack

Unter den ersten Filmen, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland entstanden sind, gibt es viele Klassiker, die immer wieder im Fernsehen oder in Programmkinos auftauchen - etwa "Die Mörder sind unter uns", "Ehe im Schatten", "In jenen Tagen", "Zwischen gestern und morgen" oder "Rotation". Völlig in Vergessenheit geraten ist ein Film, den wahrscheinlich schon zu seiner Entstehungszeit kaum jemand sehen wollte: Lang ist der Weg (1948). Er beschreibt das Schicksal einer jüdischen Familie nach dem deutschen Überfall auf Polen und entstand unter Mitarbeit von Betroffenen. Israel Becker spielte die Hauptrolle, Marek Goldstein teilte sich die Regie mit Herbert B. Fredersdorf. 1948 waren die Deutschen wohl noch zu sehr mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, um sich für den Leidensweg einer jüdischen Familie zu interessieren - aber warum ist der Film auch jetzt noch unbekannt? Das Arsenal präsentiert ihn heute in der Reihe "Holocaust - Motive der Erinnerung".

Um geschmacklose Nazi-Kolportage scheint es sich auf den ersten Blick bei Liliana Cavanis Der Nachtportier (1974) zu handeln. Die italienische Regisseurin schildert das sadomasochistische Verhältnis zwischen einem SS-Mann (Dirk Bogarde) und der 14-jährigen Tochter eines Widerstandskämpfers, das im KZ beginnt und 1957 in einem Wiener Hotel fortgesetzt wird. Statt dem Wunsch seiner Kameraden zu folgen und die lästige Zeugin seiner Nazi-Vergangenheit zu töten, nimmt der Mann, der inzwischen als Nachtportier arbeitet, das Verhältnis zu ihr wieder auf. Geschmacklos war zweifellos die Werbung, mit der der Film in die Kinos kam. Die magere Hauptdarstellerin Charlotte Rampling posierte auf den Plakaten oben ohne, mit einer SS-Mütze auf dem Kopf. Doch Cavanis Regie ist weitaus weniger effekthascherisch, sondern zielt auf die Psychologie eines Abhängigkeitsverhältnisses (heute und Sonntag im Filmkunst 66).

Cavanis Wien ist ein hässlicher, dunkler Ort voller Altnazis; eine Hommage an das schöne alte Wien drehte dagegen Willi Forst mit Maskerade (1934). Obwohl er vier Jahre vor dem Anschluss Österreichs entstand, ist bereits hier darauf geachtet worden, dass keine Juden mitwirkten, schließlich sollte das Werk auf dem deutschen Markt reüssieren. Zur Überraschung aller Beteiligten sorgte die Geschichte eines leichtlebigen Malers (Adolf Wohlbrück), der einen Frauenakt mit dem Kopf eines unschuldigen Mädels (Paula Wessely) versieht, selbst in den USA für Begeisterung. MGM kaufte die Rechte und drehte ein Remake, bei dem jede Einstellung von Forsts Original kopiert wurde (Sonnabend im Arsenal).

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