Kultur : City Lights

Silvia Hallensleben

Ein Ort, ein Mitbringsel, eine Gedicht. Riki Kalbe ist eine Künstlerin, die sich die großen Zusammenhänge aus dem Detail erarbeitet. Es sind anschauliche Details, Negerküsse, ein goldener und ein roter Stöckelschuh, jeweils Hannelore aus Bad Reichenhall und Margot aus Bitterfeld zugehörig. Es sind gesellschaftlich verstandene Zusammenhänge. Die deutsche Erinnerungs-Unkultur etwa, entwickelt aus einem Straßen-Karree, dem Berliner Gestapo-Gelände im Wandel seiner Erscheinungsformen von der Brache zum Mahnmal ins spe. Oder: Einer der ersten großen Autobahnschnittpunkte der Bundesrepublik, das Sonnborner Kreuz, wird ihr zum Anschauungsmaterial für die Kontinuität nationalsozialistischer und bundesdeutscher Verkehrsplanung - und nebenbei auch zu einer kleinen Hommage an ihre Heimatstadt Wuppertal.

Wie viele andere Filme Riki Kalbes ist auch Knoten Sonnborn (1988) in Zusammenarbeit mit Barbara Kasper entstanden. Doch trotz vielfältiger künstlerischer Kooperationen sind die Filme der Filmemacherin und Fotografin Riki Kalbe vor allem persönliche Statements. Ihre größte Kraft entwickeln sie, wenn sie auf Kommentare ganz verzichten. So etwa in Kamen-Süd, einem kurzen Film, der ein Schlafzimmerfenster als optisch-akustischen Wahrnehmungs-Verstärker auf das Vergehen der Jahre und Jahreszeiten und die Veränderungen der Lebenswelt draußen vor der Tür einsetzt.

Riki Kalbes letzter Film Ein Gleiches (1998) verbindet Goethes todesumwehtes "Wanderers Nachtlied" mit Bildern vom wiedervereinigten Harzer Goethe-Tourismus und einem Soundtrack von Blixa Bargeld. Da wusste sie wohl noch nichts von ihrer Krankheit. Anfang Januar ist Riki Kalbe in Berlin gestorben (siehe Tagesspiegel-Nachrufseite vom 8. Februar). Das Kino Arsenal widmet ihrem Andenken jetzt eine dreiteilige Hommage, die am Sonntag mit einer Matinee mit einigen ihrer Filme und Erinnerungen von Freunden beginnt. Weiter geht es am Dienstagabend und am 8. März.

Darüber, wie das Kino mit dem Tod umgehen sollte und darf, sind die Ansichten geteilt. Einigen können wir uns vielleicht darauf, dass ein Film, der die Endlichkeit des Lebens einfach ausblendet, schlecht sein muss. Der japanische Regie-Tausendsassa Sabu umschifft dieses Knock-Out-Kriterium in seiner Komödie Postman Blues, indem er zwei zentrale Figuren mit Krebskranken im Endstadium besetzt. Der eine ein Auftragskiller, die andere ein Mädchen, ein zerbrechlich zartes Ding. Verknüpft werden sie durch den titelgebenden Postboten, der sich in die Zerbrechliche verliebt und durch eine Reihe wahnwitziger Zufälle ins Visier von Polizei und Yakuza-Banden gerät. Natürlich ahnt er davon nichts und radelt nur darum so rasant mit dem roten Postfahrrad durch die Gassen, weil er dem Mädchen versprochen hat, sie noch einmal zu sehen. "Postman Blues" ist kein Meisterwerk, aber eine durchgeknallte und gut austarierte Mischung, die zeigt, dass sich Slapstick und Sentiment, Action und tragische Elemente durchaus verstehen. Und dass auch die Komödie nur gewinnen kann, wenn sie sich dem Ernst des Lebens stellt. Aber das wissen wir ja eigentlich seit Chaplin. Am Schluss muss auch der Briefträger sterben, im Kugelhagel. Doch das Mädchen nimmt ihn am Handgelenk, gemeinsam ziehen sie fort, vielleicht ja dem Himmel entgegen.

"Postman Blues" ist 1997 entstanden. In Berlin lief er bisher erst einmal im Arsenal. Jetzt ist der Film Auftakt einer Reihe von acht Filmen, die das Filmkunst 66 unter dem Motto Japans junge Wilde zeigt (Donnerstag bis Sonntag, am Wochenende auch nachmittags).

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