Kultur : City Lights

Frank Noack

Ein Programmkino, das an dieser Stelle besonders häufig empfohlen worden ist, muss zur Abwechslung mal ein wenig Kritik ertragen. Vor genau zwei Wochen zeigte das Arsenal Gustav Machatys Erotikdrama "Extase" (1933), doch statt fasziniert zu sein, reagierte das Publikum amüsiert bis fassungslos. Muss die Filmgeschichte umgeschrieben werden, ist "Extase" nur ein Meisterwerk des Trash? Keineswegs, aber das Publikum hatte recht mit seinen Reaktionen. Das Arsenal hat nämlich nicht die Originalfassung, sondern eine dilettantisch für den US-Markt zurechtgeschusterte Version präsentiert. Bereits die Ankündigung, hier werde die "englischsprachige Originalfassung" gezeigt, hätte eine Vorwarnung sein müssen, denn wie kann es von einem tschechisch-österreichischen Film eine englischsprachige Originalfassung geben? Bei allem Verständnis für die Unmöglichkeit, eine bessere Kopie von "Extase" aufzutreiben - kann man beim nächsten Mal nicht das Publikum im Voraus um Verständnis bitten, statt es für dumm zu verkaufen?

Von Leni Riefenstahls Regiedebüt Das blaue Licht (1932) gibt es ebenfalls mehrere Versionen, da sich die Perfektionistin nach 1945 entschlossen hat, ihren Erstling ein wenig zu überarbeiten. Die Geschichte der Außenseiterin Junta, die allein in den Bergen lebt und von den Dorfbewohnern geächtet wird, ist ursprünglich von einer Rahmenhandlung umschlossen worden, die Riefenstahl später entfernte. Vielleicht wollte sie noch mehr im Mittelpunkt stehen. Der Film ist aus vielen Gründen faszinierend, nicht zuletzt wegen des hemmungslosen Narzißmus seiner Schöpferin. Im Vorspann wird Riefenstahls Name so häufig erwähnt (Produktion, Regie, Drehbuch, Bildgestaltung, Hauptrolle), dass auch der letzte Analphabet ihn fortan richtig schreiben wird. Dann füllt ein Foto von ihr die Leinwand, und schließlich gönnt sie sich die erste Großaufnahme. (Heute in der Urania, mit Einführung)

Wenn Filme verstümmelt wurden, geschah das paradoxerweise mit den besten Absichten. Die Produzenten wollten sie zugänglicher machen, die Erzählstruktur übersichtlicher gestalten, Tempo erzeugen. Dieses Schicksal blieb Erich von Stroheims Queen Kelly (1928) erspart, weil es ein halbes Jahrhundert lang zu keiner kommerziellen Auswertung gekommen ist. Das bizarre Horror-Märchen über eine Klosterschülerin, die von einem Prinzen entführt wird und in einem afrikanischen Bordell landet, wurde nicht zu Ende gedreht. Stroheim überzog das Budget dermaßen, dass seine Produzentin und Hauptdarstellerin Gloria Swanson die Notbremse ziehen und das Projekt abbrechen musste. Ein unfreiwillig symbolischer Akt - auch die wilden Zwanziger mit ihren finanziellen und sexuellen Exzessen waren beendet. Für Stroheim, ihren letzten Dokumentaristen, hatte Hollywood keine Verwendung mehr. (Sonntag im Babylon Mitte mit Live-Musikbegleitung)

Einen Film wie Our Daily Bread (1934) hätte man eher aus der Sowjetunion erwartet, doch er entstand in den USA - allerdings außerhalb der Hollywood-Studios. Regisseur King Vidor musste tief in die eigene Tasche greifen, um das Werk zu finanzieren. Zur Überwindung der Weltwirtschaftskrise empfiehlt er eine freiwillige Kollektivierung der Landwirtschaft. (Dienstag im Arsenal).

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