Kultur : City Lights

Silvia Hallensleben

Wieder einmal gilt es, eine ambitionierte Berliner Filmreihe anzuzeigen, die ein größeres Publikum verdient hat: "Siz Kim Siz: Who Are You?" heißt sie und widmet sich bis zum 28. April einer knapp hinter dem europäischen Horizont liegenden und doch schon fernen Welt: der Kinematographie Zentralasiens, von Kasachstan bis Tadschikistan. Einige große Filme aus der Region fanden in den letzten Jahren den Weg in unsere Kinos, Aktan Abdykalykovs Beschkempir etwa, Dareshan Omirbaevs Killer oder Dschamshed Usmonovs Der Flug der Biene. All diese Filme sind nun im Rahmen des Programms "Abseits der Seidenstraße" (Haus der Kulturen der Welt) zu sehen. Weil die zentralasiatische Filmwelt trotz aller filmkünstlerischer Verdienste auf eine kaum erträgliche Weise personell wie inhaltlich männerdominiert ist, sei hier zum Ausgleich auf zwei Dokumentarfilme von Choukrat Makhmoudov verwiesen, die sich mit der verzweifelten Lage der usbekischen Frauen beschäftigen: In Khoudjoum (The Offence) geht es um die gleichnamige Bewegung gegen den Schleier, die, 1927 gegründet, über dreihundert Todesopfer forderte. Yallanga (The Flame) berichtet von Selbstverbrennungen usbekischer Frauen (beide Filme am Samstag im Haus der Kulturen der Welt).

Eine Weltstadt wie Berlin braucht auch historisches und experimentelles Programmkino. Dem Arsenal, das solche Filmbildung am erfolgreichsten betreibt, wurden nun im Zuge der aktuellen Sparmaßnahmen 150 000 Euro aus dem Etat gestrichen. Damit bleibt nach Begleichung von Miete und Nebenkosten kaum noch Spielraum für die Programmgestaltung. Deshalb bittet das Kino jetzt all seine Freunde um Fördermitgliedschaften von jährlich 100 Euro (Konto 3344300, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00, Stichwort "Fördermitgliedschaft 2002"). Warum sollten wir unsere eigenen Bedürfnisse nicht eigenmächtig unterstützen? Dennoch sei an die Adresse des Arsenal selbst aus diesem Anlass ein alter Wunsch wiederholt: Die Anzahl der Wiederholungen mindestens zu verdoppeln. Das entspannt die Programmplanung - und wäre eine Wohltat für das überforderte Publikum.

In dieser Woche eröffnet das Kino ein dreiteiliges Programm mit deutschen Experimentalfilmen, zusammengestellt vom Berliner Experimentalfilmer Michael Brynntrup. Im ersten Teil ist neben Björn Melhus Festival-Dauerbrenner No Sunshine (1997) und Filmen von Matthias Fritsch und Annette Hollywood auch Karola Schlegelmilchs Super-8-Reisetagebuch Die Resonanz von Augenblicken II zu sehen.

Zum Schluss sei auf einen Film hingewiesen, den eigentlich jeder kennen müsste. Lange vor dem "Zug des Lebens" entstanden, schärfer als "Das Leben ist schön" und näher am Feind als Chaplins "Der große Diktator" hat Ernst Lubitsch mit To Be or Not To Be bewiesen, dass man dem Nazi-Wahn am besten sein eigenes Theater vorspielt. Auch eine Hommage an Billy Wilder als Lubitschs gelehrigsten Schüler. Im Arsenal. Am Sonntag.

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