Kultur : City Lights

Silvia Hallensleben

Es gibt Filmjournalisten, die schlafen höchstens zehn Nächte pro Jahr im eigenen Bett. Den Rest des Jahres sind sie als Festivalhopper unterwegs von Neubrandenburg nach Sotschi, von Cottbus nach Thessaloniki, nur um den Daheimgebliebenen zu melden, was sie am immerselben Ort so alles verpassen. Denn immer mehr Filme finden - trotz Multiplexitis - im normalen Verleihprogramm keinen Platz mehr. Und so gibt es neben Cannes und Venedig (Berlin einmal nicht mitgezählt) an jedem Tag des Jahres allein in Europa wohl mindestens drei Orte, in denen gerade ein Film-Festival läuft.

Nun kann sich nicht jeder Cine-Maniac das Reisen von Umea über Bologna nach Selb leisten, und so sind findige Kinoprogrammverantwortliche auf die umgekehrte Idee gekommen: die Festivals einfach mal Richtung Publikum reisen zu lassen. So tourte letzte Woche ein Nachspielprogramm der Dresdner Kurzfilmtage durch mehrere Berliner Kinos. Und auch aus Prag kommt jetzt eine Delegation mit ausgesuchten Filmen des dortigen One World Film Festival nach Berlin. Dem programmatischen Titel entsprechend versuchte man hier, mit den Mitteln des Dokumentarfilms das kollabierende Weltenrund zu einem Forum der Menschenrechte und des friedlichen Zusammenlebens zu versammeln.

Acht dieser Filme werden von Donnerstag bis Sonntag im Arsenal nachgespielt. Zwei seien hervorgehoben: Crazy von der niederländischen Dokumentaristin Heddy Honigmann betrachtet die Erfahrungen niederländischer Soldaten in der damaligen UN-Friedenstruppe aus ungewöhnlicher Perspektive (Donnerstag). Und Runaway, der neueste Film der Britin Kim Longinotto, der in Kooperation mit der iranischen Filmemacherin Ziba Mir-Hosseiny entstanden ist, besucht ein Zufluchtshaus für weggelaufende Mädchen in Teheran (Sonntag).

Auch auf heimischen Festivals gibt es Filme, die dem kurzzeitigen Informationsüberschuss zum Opfer fallen. So beim letzten Forum die chinesisch-japanische Koproduktion Manzan Benigaki, ein Dokumentarfilm, der sich in geduldiger Eindringlichkeit einem unscheinbar anmutenden Objekt widmet. Doch die Persimone-Frucht im nordjapanischen Yamagata ist fotogen und könnte der Kirschblüte locker Konkurrenz machen. Orangerot leuchten die Früchte zur Erntezeit an den kahlen Zweigen, während sich in der Ferne die Berge erheben. Die Persimonen werden im Herbst geerntet und dann in einem langwierigen traditionellen Verfahren geschält, aufgefädelt, getrocknet und als Delikatesse verkauft.

Mitte der achtziger Jahre schon hatte es der japanische Dokumentarfilmer Ogawa Shinsuke unternommen, diese Arbeiten von der Ernte bis zum sorgfältigen Verpacken in Cellophan-Hüllen auf 16mm-Film festzuhalten. Dann starb Ogawa 1993, das Material blieb eine Zeitlang liegen, bis seine Ehefrau jetzt Ogawas chinesische Schülerin Peng Xialolian mit der Fertigstellung betraute. Das Ergebnis ist ein historisches Dokument - und ein philosophischer Film, dem es gelingt, aus einem Fast-Nichts zwar nicht die Eine, aber doch eine ganze Welt zu eröffnen (im Babylon am Mittwoch).

Schwenken wir hinüber zu einem sich auf privatwirtschaftlicher Ebene mit einem anspruchsvollen Programm wieder neu etablierenden Kino Berlins. Franz Stadler, der sein Filmkunst 66 nach einem Lebens-Abstecher an die nordwestdeutsche Küste vor ein paar Monaten wieder übernommen hat, lädt neuerdings zu filmischen Reisen durch deutsche Filmhochschulen ein. Diese Woche präsentiert er Arbeiten der Kunsthochschule für Medien in Köln, einer Ausbildungsstätte, die sich in den letzten Jahren zu einer der interessantesten Filmschulen der Republik entwickelt hat. Acht kurze Filme sind im Programm, von Jan Krügers in Venedig ausgezeichnetem Abschlussfilm Freunde bis zu Anke Limprechts Lehrfilm über die Rekonstruktion von Stasi-Akten, der schon fast als Klassiker gelten kann. Wie immer mit Moderation, Filmemachern und Mitternachtssekt im Foyer (am Freitag im Spätprogramm).

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