Kultur : CITY LIGHTS

Silvia Hallensleben

Neben dem soeben gestorbenen Wahlwelschen Peter Ustinov ist Jean-Luc Godard der bekannteste Filmschaffende der französischen Schweiz. Auch neben dem berühmten Regisseur hat sich in der Westschweiz seit den Endsiebzigern immer wieder eine lebendige Filmszene etablieren können. In den letzten Jahren hat sie sich mit einer ironisch ans dänische Film-Dogma angelehnten „Dögmeli-Bewegung“ auch anderswo einen Namen gemacht. So niedlich das klingen mag: Betulich sind die 14 langen und 13 kurzen Filme aus der Suisse Romande (ab morgen im Babylon) keineswegs – und natürlich fehlt dabei auch der große JLG nicht. Ursula Meiers Video-Dokumentation Pas les flics, pas les noirs, pas les blancs (Sonnabend) gehört dazu – der Film begleitet mit großem Ernst und zugleich unspektakulärem formalen Aufwand die Bemühungen des Genfer Polizeibeamten Alain Devegney, unbürokratisch in Konflikten zwischen Immigranten aus aller Welt und dem weißen Genf (einschließlich der eigenen Behörde) zu vermitteln. Leider spielt Devegneys Wandlungsprozess vom Funktionär einer rechtsextremen Kampfpartei zum Mediator im Film nur eine untergeordnete Rolle.

Visuell aufregende Filmkunst ist das nicht: Doch was Meiers Video an Landschaften, Licht und Fernsichten abgeht, das erfüllen andere Beiträge der Reihe aufs Vortrefflichste: Au sud des nuages von Jean-François Amiguet etwa (Sonnabend und Dienstag) schickt vier Freunde im Rentenalter aus dem bäuerlichen Sion auf eine vermeintliche Vergnügungsreise über den Landweg ins ferne China, wobei auch Berlin eine kleine Gastrolle spielen darf. Doch nur einer der Helden kommt schließlich in Peking an.

Von Süd nach Nord ging es schon vor über zehn Jahren bei Jean Rouch. In Madame l’Eau (Freitag im Arsenal) radelten drei afrikanische Ingenieure aus dem dürregeplagten Niger durch die entwässerten Niederungen der niederländischen Polderlandschaft – mit dem Ziel, den Nutzen traditionell europäischer Windmühlentechnik für heimische Zwecke zu erkunden. Und das erfolgreich! Doch auch wenn am Ende in Niger die Tulpen blühen, klammert der Film die Schatten kolonialer Vergangenheit keineswegs aus. Ganz bodenständig und im traditionellen Sinn ethnographisch geht es dagegen bei dem anderen großen Projekt zu, das ab heute die Jean-Rouch-Retrospektive im Arsenal in dieser Woche bestimmt: Rouchs Werkkomplex zu den Ritualen der Dogon in Mali entstand von 1950 bis 1974 in Zusammenarbeit mit Germaine Dieterlen und ist mit insgesamt 14 Teilen wohl die ausladendste Studie im Schaffen des Dokumentaristen. Kein Wunder, widmet sie sich doch mit dem „Sigi“ auch einer ebenso ausladenden Zeremonie des westafrikanischen Bauernvolkes: Dabei geht es um ein höchst komplexes Wiedergeburts- und Schöpfungsritual. Es findet zwar nur alle sechzig Jahre statt, dauert dafür aber gleich ganze sieben Jahre lang und wandert in dieser Zeit von Ort zu Ort. Vermutlich muss man inzwischen vom „Sigi“ schon in der Vergangenheitsform sprechen. Immerhin haben die eigenartigen Vogel- und Tiermasken der Dogon durch Rouchs Filme in vielen Variationen Eingang in die Filmgeschichte gefunden (heute und Sonntag im Arsenal).

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