"City of Men" : Eine kleine Soziologie der Favela

"City of Men" von Paulo Morelli hätte Applaus im Kino verdient. Er führt die Erfolgsgeschichte des jüngsten brasilianischen Kinos fort. Leider fand sich kein Verleih im deutschsprachigen Raum. Nun erscheint der Film im Handel auf DVD.

Matthias Lehmphul

Die Schere der sozialen Ungleichheit geht in Brasilien immer weiter auseinander. Armut und Gewalt prägen die brasilianischen Städte. Unlängst ist in Rio de Janeiro ein unübersichtlicher Krieg ausgebrochen. In den Favelas gilt ausnahmslos das Recht des Stärkeren. Die Menschen auf den Straßen der Metropole wissen nicht mehr, auf welcher Seite sie sich sicher fühlen können. Der Ausnahmezustand ist zum Alltag geworden. Die Angst vor einem Überfall wird als ein normales Gefühl verstanden.

Einen interessanten Beitrag zur Diskussion über das Leben in diesem Zustand liefert nun der Regisseur Paulo Morelli mit seinem Film "City of Men". Der englische Titel ist nicht so leicht ins Deutsche zu übersetzen. Geht es um die Stadt der Männer oder um die Stadt der Menschen? Es geht irgendwie um beides, das Leben der Menschen und die Rolle der Männer in den Favelas.

Von Söhnen und Vätern

Die Geschichte handelt von einer Freundschaft zwischen Acerola (Douglas Silva) und Laranjinha (Darlan Cunha). Beide leben in einer Favela Sinuca an einem Hügel in Rio. Acerola muss unfreiwillig sein Baby hüten, während die Freundin arbeitet. Sein Kumpel Laranjinha knattert auf dem Motorrad vorbei. Laranjinha will mit seinem Freund eine Spritztour machen. Denn die Sonne strahlt, das Meer und die anderen Jungs rufen. Aber eigentlich kann er nicht, denn er muss auf sein Baby aufpassen. Es fällt Acerola schwer, gleichzeitig Vater für ein Kind und Freund für einen Kumpel zu sein. Zu dritt fahren sie an den Strand.

Acerola und Laranjinha sind unzertrennliche Blutsbrüder. Aber beide haben noch mehr gemeinsam. Beide kennen ihre Väter nicht. Laranjinha hatte sich immer einen Vater gewünscht. Acerola will von seinem Vater gar nichts wissen. Trotzdem hilft er Laranjinha bei der Suche nach seinen Wurzeln. Nur die lockere Zunge einer Aushilfe seiner Oma geben beiden genug Anhaltspunkte, um sich auf die Suche zu begeben.

Freundschaft auf dem Prüfstand

Sie stoßen dabei auf eine Vergangenheit, die ihre Freundschaft auf die Probe stellt. Ihre Väter waren dicke Freunde. Laranjinhas Vater erschießt seinen Freund bei einem nächtlichen Einbruch. Als bewaffneter Wachmann stand Acerolas Vater den Dieben in der Quere. Für den heimtückischen Mord muss Laranjinhas Vater in den Knast. Aber die Vergangenheit holt ihn ein. Er wird nach zehn Jahren auf Bewährung entlassen und trifft auf seinen Sohn und dessen Freund Acerola.

Während Acerola in den Bandenkrieg der Drogenbarone hineingezogen wird, lernt Laranjinha seinen Vater kennen und wird enttäuscht. Beide fühlen sich alleingelassen. Doch da war doch was, ja na klar: Acerolas Baby! Ständig wird es allein gelassen und vergessen. Seine Freundin hat sich wegen einer lukrativen Arbeit in einer anderen Stadt aus dem Staub gemacht. Nun liegt die Verantwortung für den kleinen Jungen ganz bei ihm.

Der Film schließt eine in Brasilien erfolgreiche und gleichnamige Fernsehreihe ab. Wer die drei Staffeln kennt, wird sehen, wie Silva (City of God, Stadt der Blinden) und Cunha (City of God) in ihre Rollen hineingewachsen sind. Aber auch unabhängig von Vorkenntnissen überzeugen die jungen Schauspieler. Sie selbst sind in den Favelas von Rio de Janeiro groß geworden. Vielleicht strahlen sie deshalb diese besondere Lebenskraft und Hoffnung aus.

Wertvolles Heimkino

Im Unterschied zu "City of God" (Fernando Meirelles) und "Tropa de Elite" (José Padilha) ist der Film "City of Men" ruhiger. Der Regisseur Morelli möchte jenseits von lauter Musik, der brutalen Gewalt und den schnellen Bildern seine Geschichte erzählen. Die Szenen kommen ohne große Effekthascherei aus. Am Ende bleiben dennoch die beeindruckenden Bilder der Favela im Kopf.

Die chaotische Armut zu verstehen, ist nicht das Ziel des Regisseurs. Dennoch bietet der Film im Gegensatz zu Meirelles und Padilhas Werken einen konstruktiven Anknüpfungspunkt an die Diskussion über die scheinbar unlösbaren Probleme. Politische Macht, Geld und Waffengewalt werden die Probleme in den Favelas nicht lösen. Es sind die kleinen, zwischenmenschlichen Schritte im Leben eines jeden Einzelnen, die einen großen Unterschied machen. Alles in allem ist "City of Men" ein wertvoller Film, der das Heimkino bereichert und danach sicher Gesprächsstoff liefert.

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