Claudia Michelsen über Dresden : Meine Stadt, meine Straße, mein Turm

03.10.2012 10:38 Uhrvon
Foto: dpa

Dresden, DDR, Tal der Ahnungslosen – Uwe Tellkamp hat darüber einen Bestseller geschrieben. Claudia Michelsen ist hier aufgewachsen und spielt nun in der Verfilmung mit. Ein Stadtspaziergang.

Da steht er nun. „Ich dachte, der ist weg“, sagt Claudia Michelsen. Dreht sich um, lächelt überrascht und guckt noch mal auf das steinerne Zeugnis ihrer Kindheit: einen Elefanten. Besser gesagt, eine Rutsche für Kinder, als Rüsseltier entworfen – am Hinterteil führen Treppen auf den Buckel, von dem die Kinder über den Rüssel hinunterrutschen. Die Schauspielerin schwingt sich auf die Stoßzähne, Probesitzen, es ist ein wenig kalt. „Hier habe ich früher immer mit der Christine gesessen“, erzählt sie. Christine, das ist die beste Freundin, Klassenkameradin, Tochter des Schauspielers Rolf Hoppe, heute Schauspielerin am Dresdner Schauspielhaus, einen Tag vor der Einschulung kennengelernt – und sie sind „seitdem unzertrennlich“.

Alles, was nicht in der Schule erzählt werden konnte, hier auf den blank gesessenen Stoßzähnen kam es zur Sprache. Welcher Lehrer ist blöd? Welcher Junge sieht gut aus? Gespräche, wie sie auch in Wanne-Eickel oder Flensburg klingen konnten, aber es war eben hier: im Innenhof eines Nachkriegs-Neubaus nahe des Dresdner Rathausturms, in den 70er Jahren, als die sächsische Stadt so abgeschirmt von westdeutschen Fernseh- und Radiosendern war, dass sie „Tal der Ahnungslosen“ hieß.

Zurück in die Vergangenheit. Claudia Michelsen vor dem steinernen Elefanten aus ihrer Kindheit. Foto: Christiane Wöhler
Zurück in die Vergangenheit. Claudia Michelsen vor dem steinernen Elefanten aus ihrer Kindheit. - Foto: Christiane Wöhler

Auch von dieser Isolation erzählt Uwe Tellkamp in seinem Roman „Der Turm“ – seine fiktive Familie lebt auf der anderen Elbseite im Stadtteil Weißer Hirsch, Bürgerliche in einem sozialistischen Land, die sich zu arrangieren versuchen, um zu überleben. So ergreifend war diese Geschichte, dass sie ein riesiger Erfolg und nun für die ARD verfilmt wurde.

Die Mutter Anne Hoffmann, die alles zusammenhält, die spielt in der zweiteiligen Fernsehverfilmung Claudia Michelsen, 43, die gebürtige Dresdnerin, die fast nie oben auf dem Weißen Hirsch war. „Wir sind mal mit der Standseilbahn hochgefahren und dann wieder runterspaziert“, sagt sie. Ein Fixpunkt ihres Lebens war und ist die Villengegend nicht.

Da gibt es andere. Im Schnelldurchlauf sind das: der Altmarkt, in dessen Nähe sie als Kind lebt. Das Dresdner Schauspielhaus, in dem sie den jungen Sylvester Groth als „Don Carlos“ bewundert. Dann Berlin, die Schauspielhochschule „Ernst Busch“, an die sie mit 16 Jahren geht. Die Volksbühne unter Frank Castorf, an der sie Erfolge feiert. Der Strand in Malibu, an den sie dem Regisseur Josef Rusnak mit Mitte 20 folgt. Berlin nach

Die Dresdnerin. Claudia Michelsen in einem Café gegenüber der Kreuzkirche (großes Bild), auf der Treppe zur Brühlschen Terrasse, vor dem Schauspielhaus und im Zwinger (im Uhrzeigersinn). Fotos: Christiane Wöhler
Die Dresdnerin. Claudia Michelsen in einem Café gegenüber der Kreuzkirche (großes Bild), auf der Treppe zur Brühlschen Terrasse, vor dem Schauspielhaus und im Zwinger (im...

der Jahrtausendwende, wohin sie nach der Trennung von ihm zurückkehrt. Und zwischendurch immer wieder ein Wald in der Nähe von Dresden, aus dessen Nähe der mütterliche Teil der Familie stammt.

Claudia Michelsen lebt wieder in Berlin, zusammen mit dem Schauspieler Anatole Taubman (ein Bösewicht aus dem letzten Bond-Film „Ein Quantum Trost“) und zwei Töchtern. Sie ist gut beschäftigt im Fernsehen, spielt in der ZDF-Serie „Flemming“ die weibliche Hauptrolle. Und nun die Mutter in „Der Turm“.

Wie sie da einmal ihren untreuen Ehemann, dargestellt von Jan Josef Liefers, mit einer einzigen kleinen Bewegung wegschnipst, den Kopf von ihm abgewandt, wie sie alles sagt mit der linken Hand, das ist die schwierige Einfachheit, wie sie nur wenigen Schauspielern gelingt. Für ihre Darstellung wurde sie vergangene Woche für den Hessischen Filmpreis nominiert.

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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