Claudio Abbado : Kübel sind übel

Wie der Dirigent Claudio Abbado seine Heimatstadt Mailand mit 90.000 Bäumen beglücken will.

Claudio Abbados Liebe zur Natur ist groß. Als er Chefdirigent der Berliner Philharmoniker war, blickte er aus seiner Wilmersdorfer Maisonette-Wohnung auf üppige Baumkronen und züchtete allerlei Pflanzen auf der Dachterrasse. Sein wichtigstes Refugium ist jedoch ein labyrinthischer Garten an der Westküste Sardiniens. Vor gut einem Jahr heckte er in seinem Ferienhaus zwischen Bananenstauden und Hibiskusbüschen einen Plan aus, der seine vom Smog geplagte Heimatstadt Mailand seitdem auf Trab hält.

Ja, er sei bereit, als Dirigent an die Mailänder Scala zurückzukehren, von der er sich vor 24 Jahren im Streit getrennt hatte, ließ Abbado eher beiläufig am Ende eines Interviews fallen. Allerdings nur wenn die Stadt 90 000 Bäume pflanze. Gegen diese Gage wolle er am 4. und 6. Juni 2010 mit der Filarmonica della Scala, dem Orchestra Mozart und hochkarätigen Solisten Mahlers zweite Sinfonie aufführen. Ein Aprilscherz? Bürgermeisterin Letizia Moratti und Scala-Intendant Stéphane Lissner wollten den Dirigenten beim Wort nehmen. Mailand werde damit für alle Einwohner lebenswerter, freute sich Abbado, der seit langem öffentlich für Umweltschutz und andere soziale Belange eintritt.

Abbados bevorstehende Rückkehr nach Mailand wurde ausgiebig gefeiert, denn immerhin hatte der langjährige Musikchef fast ein Vierteljahrhundert nicht mehr am Pult der Filarmonica della Scala gestanden. Was dann folgte, war für die Stadt jedoch eher peinlich. Die von den Behörden groß angekündigten Begrünungspläne blieben stecken. 35 Stechpalmen, die nach langem Hin und Her in Kübeln aufgestellt wurden, gingen mangels Pflege in der sengenden Sommerhitze ein.

Verärgert wandte sich Abbado daraufhin an seinen Freund Renzo Piano, einen unangefochtenen Experten auf dem Gebiet der ökologischen Stadtentwicklung. Piano nahm eigenhändig auf dem Domplatz Maß und entwickelte mit einem Mailänder Architektenteam ein Konzept für die 90 000 Bäume. Auf einer Achse zwischen dem Castello Sforzesco und der Piazza Duomo sollen 220 Bäume mitten im historischen Zentrum gepflanzt werden. Piano denkt an eine „grüne Architektur“ mit praktischem Nutzwert. In der Stadt seien Bäume keine bloße Dekoration, betonte er. Sie erhöhen die Luftfeuchtigkeit, reduzieren den CO2-Gehalt und senken im Sommer die Temperaturen.

Insbesondere die Pläne für den Domplatz lösten prompt eine Debatte aus. Namhafte Architekten wie Vittorio Gregotti, Massimiliano Fuksas und Mario Botta argumentierten, das Grün würde den historischen Charakter der „steinernen“ Innenstadt verfälschen. In den meisten anderen Städten Italiens sei die Lage ähnlich: Auf der Piazza del Campo in Siena hätten Bäume auch nichts zu suchen.

Renzo Piano hat die Baugeschichte Mailands jedoch besser im Blick, als seine Kritiker meinen. Giuseppe Mengoni, der den Domplatz im 19. Jahrhundert umgestaltete, wollte gegenüber dem Gotteshaus ursprünglich einen Palazzo bauen. An dieser Stelle plant Piano nun eine Kulisse aus Bäumen, um den Platz an seiner Stirnseite zu begrenzen. Wo sich derzeit noch ein Blumenbeet befindet, sollen bald Weißbuchen auf einem getreppten Sockel stehen. Die Konstruktion fasst genug Erde für die Wurzeln, daher bräuchte das historische Pflaster nicht aufgerissen zu werden.

Da Abbados 90 000 Bäume nicht alle in der Innenstadt Platz finden werden, bezieht Renzo Pianos Team die Peripherie mit ein: Die Planer knüpfen an Projekte wie „Raggi Verdi“ an, mit denen sich Mailand als Gastgeberin der Expo 2015 profilieren will. Ausgehend von einem Grüngürtel um die Stadt wollen der deutsche Landschaftsarchitekt Andreas Kipar und sein Partner Giovanni Sala acht „grüne Strahlen“ ins Zentrum leiten. Kipar hofft nun, dass die Initiative von Abbado und Piano der nur zögerlich angelaufenen Stadtbegrünung Schwung geben wird.

Im Frühjahr sollen nun endlich die ersten richtigen Abbado-Bäume gepflanzt werden. Die Stadt hat allerdings noch nicht abschließend über das Projekt entschieden. Wie im Fall der „Raggi Verdi“ ist die Finanzierung die höchste Hürde. Bürgermeisterin Moratti dürfte über jeden privaten Sponsor froh sein. Im Sommer sprangen immerhin Händler auf der Luxusmodemeile Via Montenapoleone in die Bresche, als sie Bäumchen in kitschigen Kübeln aufstellten, die Fiat-500Modellen nachempfunden waren. Dem Feingeist Abbado wird diese PR-Aktion kaum gefallen haben. Der Dirigent wünscht sich vor allem, dass die Bürger der Stadt längerfristig ein Bewusstsein für Umweltschutz entwickeln. Jeder Mailänder möge einen Baum adoptieren, schrieb er in einem offenen Brief, den die Tageszeitung „La Repubblica“ veröffentlichte.

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