Kultur : Claudio Abbado: Mahler & Co.: CDs mit Abbado

F.H.

Zum Abschied Abbados bringt die Deutsche Grammophon (DG), bei der der Maestro seit 1967 aufnimmt, noch einmal Einspielungen mit den Philharmonikern auf den Markt. Ab Herbst muss sich die DG das Orchester mit Simon Rattles Exklusiv-Schallplattenfirma EMI teilen. Pikanterweise hat EMI neben den gerade erschienenen Schönbergschen "Gurreliedern" und einem neuen "Fidelio" bereits eine Einspielung von Mahlers fünfter Sinfonie mit Rattle und den Berlinern angekündigt. Mahler aber bildet auch den Schwerpunkt der DG-Veröffentlichungen zum Ende der Amtszeit Abbado: Nach der ersten (1991), fünften (1993) und achten (1995) Sinfonie folgen 2002 nun Nr. 3, 7 und 9. Außerdem dokumentiert eine Doppel-CD mit dem Titel "The Berlin Album" die 12-jährige Zusammenarbeit, gewissermaßen als Hörbuch ohne Worte. Neben Abbados Favoriten Mahler, Beethoven, Brahms und Debussy finden sich darin auch Ausschnitte aus Kompositionen von Bizet und Tschaikowski, Berlioz und Wagner. Schubert und Schumann hingegen fehlen. So wertvoll jede einzelne Interpretation sein mag, das Potpourriprinzip dieser "Best of"-Compilation ist für Abbado völlig untypisch und zielt wohl vor allem auf eine Kundschaft aus "Klassik Radio"-Stammhörern einerseits und langjährigen Abonnenten andererseits, die den Schnelldurchlauf der Ära als akustisches coffeetable book zu schätzen wissen.

Die Klassikfans, wie sie der Maestro schätzt - weil sie bereit sind, sich konzentriert in gewichtige Werke zu versenken - werden also eher zur Dritten Mahlers greifen. Der klangtechnisch berückend üppige Live-Mitschnitt aus der Londoner Royal Festival Hall vom Oktober 1999 zeigt alle Vorzüge des Mahler-Interpreten Abbado: Kaum einer vermag die Doppelbödigkeit dieser Musik so sinnlich-sinnreich, so unmittelbar ansprechend herauszuarbeiten wie er. Mahlers Schwanken zwischen Glückseligkeit und Zusammenbruch, zwischen Diesen-Kuss-der-ganzen-Welt-Emphase und Verzweifeln am Dasein setzt der Dirigent in einen suggestiven, durchaus theatralisch gedachten Erzählstil um, der vor fratzenhafter Groteske ebenso wenig zurückschreckt wie vor überirdischer Schönheit. Die Berliner folgen ihm mit einer Souveränität, wie sie sich nur am Ende eines jahrelangen, intensiven Interpretationsprozesses einstellen kann: beseligt singend, apokalyptisch aufwallend, wild und wunderschön, schroff und verführerisch. Das Dokument eines Abends, den man nicht anders als überwältigend nennen kann. F. H.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben