Kultur : Claudio Abbado: Teetrinken beim Bungee-Jumping

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Im Publikum, das Claudio Abbado und die Berliner Philharmoniker bei ihrem Beethoven-Zyklus in Rom feierten, saß auch der Bestseller-Autor Alessandro Baricco ("Seide", "Die Legende vom Ozeanpianisten"). Für die römische Tageszeitung "La Repubblica" hat er einen Essay geschrieben, den wir auszugsweise zitieren.

Viele Dirigenten demonstrieren von der Kraft Beethovens allein die finale Phase: den Ausbruck des Vulkans. Lichtblitze, Spektakel. Okay, ganz hübsch, aber: Stellt euch jemanden vor, der euch unter die Erde mitnimmt, euch durch die geheimen Adern der Welt führt, mit dem glühenden Ausstoß aus dem Bauch des Planeten immer schneller werden lässt und euch schließlich in die Luft katapultiert, damit ihr gemeinsam, erkaltend, die Nacht erleuchtet. Voilà: Abbado.

Ich habe die Fünfte gehört, und alles, was ich hörte, klang notwendig, ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber es war lebendig weil es notwendig war, die Welt wäre stehengeblieben, wenn eine einzige dieser musikalischen Phrasen nicht die folgende aus sich geboren hätte, es war eine Maschine, die von Ableitung zu Ableitung an Kraft gewann (und, im Vorübergehen, auch an Schmerz, Poesie und sogar Unterhaltungswert), aber vor allem an Kraft, einer Kraft, die keine Schwäche hätte hinwegfegen können.

Keine Ahnung, wie viele Orchester der Welt so eine Tour de force überstehen würde, wie sie Abbado den Berlinern verordnet hat. Fast jeder kann sich an einem Bungeejumping-Seil von einer Brücke werfen. Doch wie viele verlieren dabei nicht die Brille, rezitieren ein Gedicht und haben auch noch ein Lächeln für die Verlobte übrig, die die ganze Sache mit ansehen muss. Die Berliner können das. Sie erscheinen dabei wie Gentlemen, die sich zum Fünf-Uhr-Tee versammelt haben. Milch? Ja, bitte. Einen Augenblick nur, er wird gerade in die Höhe zurückgeschleudert. So, da ist er wieder. Nur ein paar Tropfen bitte.

Es ist nur klassische Musik, okay, aber gleichzeitig waren es eben keine Abende wie andere auch, sondern solche, die man nie vergisst. Ich stelle mir vor, was die Erinnerung in ein paar Jahrzehnten daraus machen wird: Sie werden als Mythos aufgehen wie ein Hefeteig.

Wir werden ziemlich unerträglich sein, wenn wir von diesen Konzerten erzählen, wir werden Jugendliche vor uns haben, die sich anschauen, unsicher, ob sie uns glauben sollen oder nicht, während wir zwischen Arthritis und Bypass mit großen Gesten durch die Luft rudern und davon reden, dass man so etwas heute eben nicht mehr zu hören bekomme. Früher, da gab es noch Musik, hört euch die Platten an und lernt! Wir werden unerträglich sein und wunderbar. Ich kann es kaum erwarten.

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