Kultur : Claudio Abbado: Teufelskerl

Eckart Schwinger

Als wäre er gar nicht krank gewesen, so lebendig sprang der Maestro aufs Dirigentenpult und legte los, wie seit langem nicht. Mit einem angriffsfreudigen Musizierstil, ansteckendem Musikantenwitz und abenteuerlichen Tempi rückte er dem Till Eulenspiegel von Richard Strauss zu Leibe. Der Schelm und Spötter schien mit mordsheißem Temperament mehr wutentbrannt als vergnügt über die Bühne der Philharmonie zu stürmen. Und selbst am Schluss, als man ihm sein Todesurteil heraus posaunte, wollte er offenbar nicht als Wendehals, sondern, so ließen es Claudio Abbado und die Philharmoniker hören, als Teufelskerl mit aufrechtem Gang in die jüngste Geschichte eingehen. Da sage keiner, solch eine Festveranstaltung zum Tag der Deutschen Einheit, die von Otto Schily eröffnet wurde, setze nicht die richtigen Akzente. Nach dem Strauss schickte Abbado das halbe Orchester nach Hause und präsentierte die Eroica in klassisch-schlanker Besetzung, also gleichsam in einer Anti-Furtwängler Form (mit lediglich vier Kontrabässen und nicht verstärkten Bläsern). Ins musikalische Zentrum des Abends rückte ein Beethoven, der diesem Tag nicht schlecht anstand. Im Gegensatz zur aufgepulverten Neunten beim Europakonzert wirkte die Eroica glänzend ausbalanciert und wurde vor allem im 2. und 3. Satz geradezu märchenhaft locker hingelegt. Dem Allegro con brio fehlte allerdings etwas die scharfe Spannungskurve, die aggressive dramatische Größe. Um so mehr berührte der mozartisch schön durchleuchtete Trauermarsch, der sich bei allen konflikthaften Zuspitzungen in einer betont zeitnahen Sensitivität mitteilte. Im schwerelosen Scherzo, mit der schon bei Strauss mit beherzter Bravour hervortretenden Solohornistin, überhaupt mit den fabelhaften Bläsern war dann nicht nur die Klarheit zu bewundern, mit der Abbado seinen Beethoven anlegte, sondern auch ein Schliff, der im Finale jedes gewaltsame Beethoven-Pathos ausschloss. So ungetrübt wirkte die Musizieratmosphäre, dass man sich schon fragte, ob denn da nichts gewesen war, ob es denn nicht mächtig gekracht habe an der Spitze des Philharmonischen Orchesters? Oder hat das Gewitter Wunder bewirkt? Was bei diesem Orchester sehr selten passiert, geschah am Schluss: Es applaudierte seinem Noch-Chefdirigenten.

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