Claudio Magris : Die Menschlichkeit Mitteleuropas

Am Sonntag erhält Claudio Magris den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ein Gespräch über Treue und Rebellion.

305294_0_31731f19.jpg
Ein Weltbürger aus Triest. Claudio Magris. -Foto: Gladieu/ le Figaro magazine/laif

Herr Magris, als Sie erfuhren, dass Sie den Friedenspreis erhalten sollen, sagten Sie, dieser Preis sei ein Mythos. Fürchten Sie, ihm nicht gerecht zu werden?


Ich meinte damit, dass man in Verlegenheit kommen kann, wenn man an viele Preisträger in der Friedenspreisliste denkt. Jeder Preis stellt das Ergebnis eines Werkes dar, und dieses Ergebnis ist nie das eines Einzelnen. Denn wenn wir schreiben, werden wir von vielen Leuten und ihren Werken beeinflusst. Jorge Luis Borges sagte, sein Ruhm verdanke sich nicht den Büchern, die er geschrieben, sondern den Büchern, die er gelesen habe. Zudem zwingt so ein Preis immer zu einer Bilanz, und diese zeigt die Defizite. Andererseits habe ich mich sehr gefreut. Ich nehme den Friedenspreis in einer Mischung aus Demut und Selbstironie an.

Und? Haben Sie Defizite gefunden?

Ich habe überlegt, wozu es alles nicht gekommen ist – in einer Mischung aus Zufälligkeit, Schwäche und Unsicherheit. Jeder kennt seine dunklen Punkte. Andererseits gibt die eigene Kleinheit – die Relation, in der ein Preis wie dieser zum Weltganzen steht – viel Freiheit.

In der Begründung werden als „streitbarer Gegner von Ausgrenzung und kulturellem Dominanzdenken“ bezeichnet. Gab es eine bestimmte Initiation in Ihrem Leben?

Vorweg: Diese Streitbarkeit geschieht immer wider Willen. Eigentlich will man nie die Pflicht haben, gegen etwas zu kämpfen. Man möchte nie zwanghaft moralisch sein. Das ist wie mit der Gesundheit: Wenn ich mich gut fühle, denke ich nicht an Krankheiten oder was mir alles widerfahren könnte.

Sie befinden sich also nicht in einer ständigen Streitbereitschaft.

Genau. Schauen Sie, ich schreibe für den „Corriere della Sera“ seit 42 Jahren. Ich schreibe Reisereportagen, kleinere Prosastücke. Und manchmal unternehme ich eben politisch-ethische Interventionen, um jemandem beizustehen, um gegen jemanden zu kämpfen. Wenn ein anderer das tun würde, wäre ich genauso glücklich. Ich kann mich auch gut dem Flanieren, dem Bummeln, dem Lesen hingeben. Es hat etwas Zwiespältiges, wenn man gern Moralist ist. Vor professionellem Moralismus sollte man sich hüten.

Sie empfinden sich aber als politischer Schriftsteller?


Ich war politisch engagiert, und das vor allem als Schriftsteller. Da ich vorhin aber von Defiziten sprach: Die Erfolge in dieser Hinsicht sind bescheiden. Mit der Feder lässt sich nicht so viel ausrichten. Ich habe das politische Engagement immer als meine Pflicht als Bürger verstanden. Trotzdem bin ich überzeugt, dass man sich immer der anderen Seite öffnen muss, gerade auch jetzt, da China Gastland der Buchmesse ist. Man muss mit den Chinesen in einen kulturellen Dialog treten, wie schwierig das auch sein mag, in Sachen Menschenrechten und Meinungsfreiheit. Umgekehrt müssen wir trotzdem einige wenige Grenzen ziehen, um bestimmte Werte, die wir als universal anerkennen, nicht zur Disposition zu stellen: die Gleichheit von allen Bürgern, die Gleichstellung von Mann und Frau, die Religionsfreiheit usw.

In vielen ihrer Bücher sprechen Sie davon, Grenzen zu überschreiten, zu dehnen. Soll man die Chinesen in Frankfurt einfach gewähren lassen? Muss man sie nicht immer wieder mit ihren Defiziten konfrontieren?

Man darf sich von der Grenze nicht blenden lassen, sollte sich aber auch nicht für unfehlbar halten. Ich kann immer nur von meiner verstorbenen Frau erzählen, die beim Schreiben ihrer Lebensgeschichte feststellte, dass sie nicht nur Italienerin ist, sondern auch slawische Wurzeln hat – obwohl gerade sie nach dem Kriegsende Racheaktionen der slawischen Völker ausgesetzt war, als Reflex auf den Faschismus in Italien. Sie selbst also gehörte zu der Welt, von der sie sich lange Zeit bedroht fühlte. Aber um auf China und die Buchmesse zurückzukommen: Dass ich diese schwierige Beziehung ambivalent betrachte, hat mit meiner éducation sentimentale zu tun.

Weil Sie in Triest in einem Vielvölkergemisch aufwuchsen.

Genau. Die Nationalismen dort, die latente Gewaltbereitschaft, die Probleme der Minderheiten untereinander. Zudem lag der Eiserne Vorhang direkt vor der Haustür. All das hat mir indirekt das Gefühl gegeben, dass man sich davon befreien und das Unbekannte auf der anderen Seite entdecken muss, um es irgendwann als das Eigene zu begreifen. Die Familie spielt dabei eine wichtige Rolle. Mein Vater war Antifaschist, aber ich hatte einen Cousin, der für Mussolini gekämpft hat, für die falsche Seite also, den ich aber trotzdem liebe, an den ich gern denke.

Sie leben seit vielen Jahren wieder in Ihrer Heimatstadt. Wie hat sie sich verändert?

Die Spannungen sind raus, die Beziehung gerade zwischen Italienern und Slowenen ist sehr gut geworden. Natürlich schwingen Ressentiments mit, solange noch Leute aus der Kriegsgeneration leben. Es war aber ein großer Tag, als Triests Bürgermeister von einem slowenischen Schriftsteller als „unserem Schriftsteller“ sprach. Die neue Generation ist humaner, weniger dramatisch. Triest ist kein „brennendes Niemandsland“ mehr.

Sie haben oft gesagt, Sie träumten von einem vereinigten Europa, in dem Minderheiten und Kulturen geschützt leben können. Hat sich damit nicht die Idee von Mitteleuropa erledigt, so wie Sie es in Ihrem Donaubuch beschreiben?

Nein. Wegen der Vielfalt und Gegensätze ist Mitteleuropa immer noch eine Parabel für das Babel der modernen Welt. Mitteleuropa ist ein Kaugummibegriff – für eine deutsch-ungarische politische und ökonomische Herrschaft wie für ein übernationales Gefühl. Es ist auch Metapher des Protests gegen den Faschismus, später die sowjetische Herrschaft, gegen den american way of life. Mitteleuropa eint eine bewegliche, kulturelle Gemeinsamkeit. Man kann ein Gefühl für ein geistiges Erbe habe, man darf es aber nicht ideologisieren. Die mitteleuropäische Kultur hat meinen Blick, meine Menschlichkeit natürlich beeinflusst.

Ein Sehnsuchtsort?

Überhaupt nicht. Joseph Roth hat es so ausgedrückt: Nur weil ich als junger Mann gegen Kaiser Franz Josef rebelliert habe, habe ich heute das Recht, in Österreich meine Heimat zu sehen. Treue durch Rebellion nannte er das. Ich habe nie Sehnsucht, selbst nach Menschen nicht, auch nicht nach solchen, die gestorben sind. Die liebe ich, so oder so. Und ich liebe die Welt, in der ich aufgewachsen bin, sie hat mir zum Beispiel eine gesunde Ironie beschert.

Sind Sie noch politisch tätig?


Ich gehöre dem Bündnis Gerechtigkeit und Freiheit an, aber nicht mehr als Abgeordneter wie in den neunziger Jahren. Damals hatte das was von einem Homosexuellen, der die Ehe mit einer Frau eingeht. Ich habe gegen meine Neigungen dort gesessen. Ich habe jedoch nur wenig übrig für Schriftsteller, die sagen, die Politik sei nichts für ihre zarten Seelen.

Was halten Sie von der Aufhebung der Immunität von Silvio Berlusconi?

Ich finde das gut. Trotzdem bin ich in Sorge, gerade weil die Opposition so schwach ist. Aber die Leute wählen Berlusconi eben; ich halte nichts von der aristokratischen Hochnäsigkeit der Linken, die nicht verstehen, wie sich die Gesellschaft verändert. Berlusconi hat das verstanden. Aber diese Pop-Politik macht mir ernsthaft Sorgen, das ist in Deutschland, in Frankreich, auch in Spanien nicht viel anders als in Italien. Es geht nicht mehr um Inhalte, nur um Show.

Was können wir von Ihrer Friedenspreisrede erwarten?

Es geht darin um die Gegenwart des Krieges, um seine Verherrlichung, seine Ignoranz allem anderen gegenüber. Um die Schwierigkeit des Friedens. Es wird eine sehr politische Rede werden.

Das Gespräch führte Gerrit Bartels.

CLAUDIO MAGRIS wurde 1939 in Triest geboren und zählt zu den bedeutendsten Germanisten und Kulturpublizisten Europas. Er war Professor für deutsche Literatur an den Universitäten in Triest und Turin.

Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Premio Strega (1997), den wichtigsten italienischen Literaturpreis, und den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (2001). Zu seinen wichtigsten Werken gehören „Donau. Biografie eines Flusses“, „Ein anderes Meer“, „Die Welt en gros und en détail“, „Vier seltsame Leben“ und „Blindlings“. Am Sonntag erhält Magris in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

0 Kommentare

Neuester Kommentar