Kultur : Clemens Eichs missglücktes Portrait

Stefan Eggert

Während der Arbeit an diesen "Aufzeichnungen aus Georgien" ist Clemens Eich bei einem Unfall in Wien im Februar 1998 tödlich verunglückt. Mehr als ein Drittel des ohnehin schmalen Bandes besteht daher aus Fragmenten, die Elisabeth Eich offenbar direkt aus den Notizbüchern übernommen hat.

Dem Leser begegnet nun in den vom Autor fertiggestellten Kapiteln eine Selbstsuche, zu der Georgien zuweilen eine doch sehr düstere Kulisse abgibt. Sicherlich ist es rühmlich, wenn sich ein aufmerksamer Beobachter, der Clemens Eich durchaus ist, den Klischees über ein gastfreundliches, folkloristisch verbrämtes, zwischen Orient und Okzident schillerndes Land brüsk zu entziehen sucht. Aber Eich stellt neue Klischees her, die man als aufmerksamer Zeitgenosse aber schon zur Genüge kennen: ein Land mit vielen Mängeln, großer Armut, Schmutz, Elend, Milizen und Banditen, Kriegs- und Wendegewinnern, Schnapstrinkern und Stromausfällen dann und wann ein freundliches Gesicht, dem wir misstrauen sollen.

Die Eingangskapitel Eichs beginnen mit einer heftigen Kopfverletzung in einem georgischen Krankenhaus und mit einer Anreise von Frankfurt nach Tbilissi, in der alle Motive einer vorstrukturierten Überfahrt in den Hades eifrig bedient werden. Man ahnt sogleich, das kann nur besser werden, wird es aber bei der Stimmungslage des Autors wahrscheinlich nicht. So ähnlich hat der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann schon Anfang der siebziger Jahre Rom gesehen, indem er seine Wahrnehmung von vornherein auf Abfall, Tod, Düsternis sowie bösartige und dumme Menschen und Verhältnisse fokussiert hatte.

Wer sein ganz persönliches Objektiv so eingestellt hat, der findet das gesuchte Übel in Rom ebenso wie in München, in New York genauso wie in Tbilissi, der braucht nicht wegzufahren. Dabei hat sich Clemens Eich in Begleitung eines Chauffeurs und eines Dolmetschers offenbar weiträumig in Georgien umgesehen, fuhr nach Mamati, wo Präsident Schewardnadse geboren wurde, oder nach Poti ans Schwarze Meer, und er findet überall Stalindenkmäler und - wie der Autor notiert: "Abstoßende Schönheit."

War der Autor gar beleidigt, dass ihn die Georgier entweder in Gastfreundschaft ersticken oder als Ausländer nur wie einen Bewohner des reichen Europas, als potentiellen Handelspartner und als merkwürdigen Ausländer betrachten? Einmal bemerkt er in den fernliegenden Teefeldern die Hüte der Pflückerinnen, fährt aber sogleich weiter. "Sie haben mit allem in Georgien gerechnet, nur nicht mit sich selbst", sagt eine Krankenschwester zum verletzten Schriftsteller bei seinem missglückten Debüt in dem Land. Sie wolle ihn wiedersehen, doch unter der später gewählten Nummer bekommt er keinen Anschluss. Schade eigentlich.

So findet der Leser in dem unvollendeten Buch viele Beobachtungen und Meinungen in garstigem Ton, doch vor allem das Selbst des Autors. Es muss noch ein Georgien jenseits von Folklore und Terror geben. Die Schwelle zwischen Orient und Okzident hat Clemens Eich benannt, beschrieben hat er sie kaum.Clemens Eich: Aufzeichnungen aus Georgien. Mit einem Nachwort von Ulrich Greiner; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1999, 128 Seiten, 32 Mark

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben