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"Cloud Atlas" - der Film : Der Tykwer-Wachowski-Komplex

13.11.2012 14:42 Uhrvon
Tom Hanks als Schiffsarzt und Jim Sturgess als sein Patient. Foto: X-VerleihBild vergrößern
Tom Hanks als Schiffsarzt und Jim Sturgess als sein Patient. - Foto: X-Verleih

David Mitchells Roman "Cloud Atlas" galt als unverfilmbar. Nun läuft das 100-Millionen-Dollar-Ding, das unbedingt ein Erfolg werden muss, im Kino. Nur funktioniert die sechs Episoden und fünf Jahrhunderte umspannende Story nicht sonderlich.

Wenn die Erinnerung an den mächtig prächtigen Bildersalat nicht trügt, dann öffnet sich für die Heldin aus Episode 5, Duplikantin Sonmi-451, nach ihrem restirdischen Leidensweg und zu Beginn ihrer Göttinnenwerdung eine Himmelstür. Ob die Macher von „Cloud Atlas“ bei dieser im Jahr 2144 siedelnden Szene womöglich an „Heaven’s Gate“ gedacht haben, Michael Ciminos Jahrhundertflop? Das wäre arg viel der prognostischen Selbstironie. Denn Ciminos megalomanischer Spätwestern von 1980, dessen Budget sich damals auf die Rekordhöhe von 44 Millionen Dollar schraubte, ruinierte nicht nur die Unabhängigkeit des traditionsreichen Studios United Artists, sondern auch Ciminos Ruf als Regisseur.

Nein, so darf man gar nicht zu denken wagen. Zu viel steht auf dem Spiel bei dem 104-Millionen-Dollar-Projekt, für das die Produzenten, allen voran Stefan Arndt von X-Filme, überall auf der Welt Geld aufgetrieben haben, weil kein Hollywoodstudio die Verfilmung des als unverfilmbar geltenden Romans von David Mitchell schultern wollte. Zwar haben sechs deutsche Förderinstitutionen bei diesem bislang teuersten deutschen, überwiegend in Babelsberg gedrehten Film enorm zugebuttert – rund 17 Millionen Euro. Der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) bewilligte erstmals seine Maximalsumme von zehn Millionen, die Filmförderanstalt eine Million, ebenfalls Rekord, und das Medienboard Berlin-Brandenburg anderthalb, auch hier gab es noch nie mehr für einen Film. Das aber erbringt nur ein rundes Fünftel des Gesamtsümmchens. Kein Wunder, dass der Schlaf von X-Filme- Chef Stefan Arndt angesichts des Restrisikos schon länger leidet.

Tatsächlich macht der 172 Minuten lange Film von Tom Tykwer und den Geschwistern Andy und Lana Wachowski, der dauernd zwischen Historienepos, Abenteuer-Movie, Science-Fiction, Komödie und Thriller wechselt und dabei sechs auf fünf Jahrhunderte verteilte Episoden abzubilden trachtet, es jedem Publikum schwer. In Amerika hat er vor zwei Wochen einen sehr schwachen Start erwischt, und nun richten sich die Hoffnungen der Macher auf den Rest der Welt. Doch wie einen Film durchsetzen, der in seiner ersten Hälfte ohne Kenntnis der literarischen Vorlage nahezu unverständlich bleibt? Auch der Mitchell-Leser dürfte nicht sonderlich glücklich werden. Denn wo das Buch vor allem sprachlich intelligent unterhält, setzt der Film massiv auf den Erbaulichkeitsnutzen.

„Cloud Atlas“ (2004) ist Mitchells dritter Roman. Die sechs Episoden von 1849 bis 2346 erzählt der fabelhafte Fabulator mal im altertümelnden Ton eines Schiffstagebuchschreibers, mal als atemlosen Briefroman, mal als stets im Präsens hechelnden Groschenheft-Thriller, mal im Memoirenton des älteren Herrn, mal als Interview und mal als inneren Stammelmonolog eines Ziegenhirten nach dem Fast-Weltuntergang. Wobei die Stories zunächst, jeweils halb erzählt, chronologisch dem Scheitelpunkt fernster Zukunft entgegenstreben, um sich sodann, narrativ brav komplettiert, schrittweise ins 19. Jahrhundert zurückzuwinden. Diese sogenannte Palindrom-Struktur ist so aufregend nicht, hat aber den Vorteil einer gewissen Übersichtlichkeit.

Darf man sagen, die Regisseure – Tykwer war eher für Vergangenheit und Gegenwart zuständig, die Wachowskis für den futuristischen Teil – haben filmisch das Äußerste aus der Vorlage herausgeholt? Visuell durchaus, erzählerisch weniger. So beginnt und endet der Film in der fernen Zukunft, vermeidet dazwischen die anderswo tausendmal gesehene glatte Chronologie, verwischt damit aber die von Mitchell fein gesetzten Cliffhanger und leitmotivischen Details. Stattdessen springt „Cloud Atlas“ im gefühlten Minutentakt zwischen Genres und Zeitebenen hin und her, ganz als wolle er seinen eigenen Trailer kopieren. Mag ja sein, dass wir globalisierte Internetsurfer das Dauerswitchen gewohnt sind; Erzählen aber, auch das innovative, fordert Struktur. In „Cloud Atlas“ dagegen regiert das Prinzip Dekonstruktion bis zur Selbstzerschnipselung.

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