Kultur : Club der roten Lichter

EVA SCHWEITZER

"Cabaret" is back.Die ständig ausverkaufte Neuinszenierung des legendären Berlin-Musicals am New Yorker Broadway hat bereits vier Tony Awards (das Äquivalent zum Oscar) gewonnen, nun ist die Produktion vom viel zu kleinen Henry Miller Theatre am Times Square in das "Studio 54" gezogen: bis vor einigen Jahren die heißeste, exklusivste Diskothek Manhattans.Dort also simuliert man jetzt den "Kit-Kat"-Nightclub aus Berlin 1929, wie ihn sich Christopher Isherwood, auf dessen Roman "Goodbye to Berlin" das Stück zurückgeht, einst ausgemalt hat.

Natürlich denkt der Zuschauer dabei auch an Bob Fosses Film-Version von "Cabaret" aus dem Jahr 1972, mit Liza Minnelli als Sally Bowles.Die Rolle spielt jetzt Jennifer Jason Leigh, gewiß schwächer als die Minnelli, doch noch immer hat es einen besonderen Charme, wenn dieses lebenslustige Fräulein Sally Bowles hier bekennt: "Nollendorfplatz? I would love to live at Nollendorfplatz." Auch hält Robert Sella als Conférencier den Vergleich mit dem berühmten Filmvorbild Joel Grey spielend aus, als tuntig schriller, witzig virtuoser Tänzer, Sänger und Zeremonienmeister mit dem morbid schnarrenden, deutsch-französischen Akzent: "Even the Orrrchestra is beautiful." Oder Max, der Besitzer des Kit-Kat-Clubs an seinem Schreibtisch - Max scheint eine Inkarnation von Steve Rubell zu sein, jenem vom Drang nach Ruhm und Geld besessenen Besitzer des Studio 54, dessen Geist im Raum zu schweben scheint, etwa bei dem Song "Money makes the world go round".

"Cabaret", inszeniert von Sam Mendes mit einer Choreographie von Rob Marshall, ist eine der erfolgreichsten Broadway-Produktionen der letzten Jahre.Im Studio 54 (der Name ist geblieben, der Schriftzug an der Glastür im Siebziger-Jahre-Stil wurde restauriert) faßt das Theater nun selbst als nachgebautes Cabaret fast 1000 Zuschauer, zumal der voluminöse Kuppelsaal mit vielen klitzekleinen Tischen und noch mehr Stühlen randvoll gepackt wurde.Rote Lampen sollen dem Publikum die Illusion eines Nachtclubs suggerieren, es gibt zwei Bars, die Champagner im Plastikbecher servieren, und der Conférencier holt zwischendurch auch mal Zuschauer mit in die Szene.Die eigentliche Bühne ist sehr klein, und auf einem zweiten, erhöhten Podest spielt das Orchester hinter einem Vorhang aus Silberfäden.

Was in diesem Saal zuvor gewesen sei, will eine Zuschauerin von ihrer Nachbarin wissen."Eine Drogenhöhle", sagt die, während Sally Bowles auf der "Cabaret"-Bühne Kokain schnupft."Cabaret" ist eigentlich ein sehr frivoles Stück.Aber die Girls auf der Bühne tragen Strumpfhosen und BHs - sonst bekäme das Ensemble wohl Schwierigkeiten im New York des gestrengen Bürgermeisters Rudy Giuliani, wo Striptease mittlerweile verboten ist.

Die meisten Broadwaytheater haben wechselvolle Geschichten, aber dieses im italienischen Renaissance-Stil erbaute Haus bricht viele Rekorde: 1927 eröffnete es mit "La Boheme", erlitt damit sofort Schiffbruch, war später nach mehreren Zwangsversteigerungen mal Nachtclub, Tanzcafé, mafioses "Casino de Paris" mit einer "Nudist Bar" und erlebte als Music Hall weitere Triumphe und Pleiten, bis der Fernsehsender CBS es an Steve Rubell und Ian Shrager verkaufte.

Die machten daraus die New Yorker Kultdisco der Reichen und Schönen, wo Grace Kelly, Calvin Klein, Andy Warhol, Mick Jagger und Liza Minnelli tanzten und tranken, zu deren Parties saudiarabische Prinzen einflogen, während sich die Menschentrauben allnächtlich vor dem Haus auf der Straße ballten.Das Publikum wurde von Steve Rubell handverlesen.Rubell war ein homosexueller Junge aus der Vorstadt, dem der Ruhm und das Kokain bald zu Kopf stiegen.1980 schlug die Steuerbehörde zu, und Rubell und Schrager mußten den Laden verkaufen.Heute erinnert das Theater kaum noch ans Studio 54.Die Kronleuchter und die bronzefarbenen Reliefs wurden restauriert.Nur die glitzernde Discokugel an der Decke ist geblieben.Am Ende des ersten Akts von "Cabaret" wirft sie flackernde Lichter an die Neorenaissance-Wände, und schon spürt man wieder den Geist des "54".Der Schriftsteller als Christopher Isherwoods Alter ego heißt in der Broadway-Inszenierung Clifford Bradshaw (John Benjamin Hickey).Sehr brav, man kauft ihm seine Bisexualität nicht recht ab.Übrigens ist er hier Amerikaner (aus Harrisburg, Pennsylvania, "I know, nowbody knows this"), während Sally Bowles aus England kommt.Im Film war es umgekehrt.

Natürlich wächst der Amerikaner Cliff in eine Heldenrolle hinein: Schlägt sich mit Nazis, weiß mehr über deutsche Politik als seine Berliner Freunde und warnt sie hellsichtig vor dem, was mit Hitler kommt.Dafür wurden die aus dem Film bekannten Szenen mit dem bisexuellen Baron gestrichen, auch der atheistische Jude Fritz mit seiner dramatischen Charakter-Entwicklung (im Film dargestellt vom noch nicht Derrick-Harry-geschädigten Fritz Wepper) ist weggefallen.Statt dessen gibt es auf der Bühne einen Handlungsstrang, der sich besser an den beschränkten Möglichkeiten des Kammerspiels orientiert.Der jüdische Herr Schulz (Ron Rifkin) will die "arische" Zimmervermieterin, Fräulein Schneider (Blair Brown), heiraten.Die schreckt davor zurück, als die Nazis ihr drohen, und das nunmehr vereinsamende Fräulein Schneider, das wird klar, ist ebenso Opfer wie Herr Schulz.

Sehr rührend ist, wie dieser Herr Schulz in New York immer wieder betont: "I am German, I know these people." Rifkin hat einen der vier "Cabaret"-Tonys für die Rolle bekommen.Außerdem gibt es ein paar zusätzliche Songs - ebenfalls von John Kander, der schon die bekannten Stücke wie "Money" oder "Life is a Cabaret" geschrieben hat.Aber da vom Strang der Handlung nur noch einzelne Fäden blieben, fehlt einigen Songs auch die innere dramatische Beziehung zum Stück.

Zum Schluß öffnet sich die Bühne nach hinten in einen bahnhofsartigen Raum hinein, und der aasige Conférencier knöpft ganz langsam seinen langen, schwarzen Mantel auf.Darunter trägt er eine gestreifte KZ-Uniform und einen (gut zu erkennenden) gelben Stern sowie einen (nicht so gut zu erkennenden) rosa Winkel.

Studio 54, 254 West 54 Street NY.Karten Tel.001-212-239.6200.

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