Clubszene : Eine Nacht, die niemals endet

Billiger Partykick: Die Droge GHB erobert Deutschlands Clubszene. Jetzt wehren sich Berlins Partymacher gemeinsam.

Mikko Andreas Stübner

Bässe, die sogar durch Ohrstöpsel dringen. Nackte Oberkörper, die zu Stroboskopblitzen zucken. Der Körper verfällt in Trance, die Zeit verfliegt. Berlins Techno-Szene ist so vital wie in den frühen neunziger Jahren, getanzt wird nonstop. Vor Clubs wie dem „Watergate“, dem „Berghain“ oder dem „Golden Gate“ stehen auch am Sonntagmorgen um sieben noch Szenegänger Schlange – von Ruhetag keine Spur.

Nur ist nicht jeder dazu geboren, das Wochenende durchzufeiern. Seit einiger Zeit bekommt das Vorurteil neue Nahrung, dass Marathon-Parties nur mit chemischer Hilfe durchzustehen sind. In der Szene macht eine neue Droge die Runde: GHB, eine Flüssigkeit, die in den siebziger Jahren in der Medizin als Narkotikum genutzt wurde. Richtig dosiert wirkt diese Hydroxybutansäure stimulierend, bei falscher Anwendung tödlich.

Hubertus Graf Strach ist ein erklärter GHB-Hasser: „Leute, die unter dem Einfluss dieses Zeugs stehen, werden extrem asozial und benehmen sich nur noch daneben.“ Als der Hamburger DJ und Türsteher vor zweieinhalb Jahren an der Jannowitzbrücke seinen „Golden Gate Club“ eröffnete, sah er sich immer wieder mit den Folgen der Droge konfrontiert. Regelmäßig ging das Licht auf seinen Parties plötzlich an und die Musik aus, weil Rettungssanitäter einen Besucher wegen GHB-Missbrauchs behandeln mussten. Todesfälle sind bisher ausgeblieben, doch die Partystimmung wollte danach nur schwer wieder aufkommen.

Besonders schlimm traf es am 16. Dezember 2007 den 27-jährigen Partyveranstalter und Labelmanager Dorian Mazurek. Als einer der letzten Gäste verlässt er an diesem Sonntagabend einen Friedrichshainer Technoclub. Mazurek ist bester Laune und sieht im Eingangsbereich eine herrenlose Miniflasche „Kleiner Feigling“ stehen. Er öffnet sie, vergisst alle Vorsicht und trinkt sie „auf Ex“. Statt schmeichelndem Feigenschnaps schmeckt er ätzende Bitterkeit. Sofort steckt er seinen Finger in den Hals und erbricht sich. Doch es ist zu spät.

Mazurek ist 1,80 Meter groß und wiegt etwa 90 Kilo. Nach dieser Rechnung reichen 1,5 Milliliter in einem Drink aus, um ihn für zwei Stunden in Feierlaune zu versetzen – aber diese ungewollte Portion GHB ist pur und vermischt sich mit dem Bier, das er an diesem Tag getrunken hat, zu einem gefährlichen Cocktail. Die Muskeln versagen, er erbricht in seine Lunge, sein Herz bleibt stehen, er fällt ins Koma. „Ich hab kein weißes Licht gesehen, aber wenn es wirklich ernst wird, merkt man das. Dieses Gefühl, dass jetzt was passieren muss, weil ich sonst sterbe – diesen Augenblick hatte ich“, erinnert er sich mit leiser Stimme. Mazurek weiß, dass er viel Glück gehabt hat. Ein Krankenwagen war zufällig in der Nähe und dem Notarzt gelang es, ihn in buchstäblich letzter Sekunde zu intubieren und zu beatmen.

Nun will er die Techno-Szene darüber aufklären, was die Droge anrichten kann. Mazurek hat die Aktion „Clubculture against GHB“ ins Leben gerufen. Für den 6. Mai ist im Festsaal Kreuzberg eine Podiumsdiskussion mit Künstlern, Clubbetreibern und Veranstaltern geplant. „Wir sind nicht blauäugig – Fakt ist, dass die Club- und Ausgehkultur in Deutschland mit Alkohol und Drogen verbunden ist“, weiß Mazurek. Deshalb will er dialogisch über die Gefahren aufklären und keine Zeigefinger schwenken. Auf der MySpace-Seite „Clubculture against GHB“ fanden sich innerhalb einer Woche 700 „Freunde“, die die Aktion unterstützen. Kommentare wie „GHB nervt... vor allem wenn se abkacken oder mit runtergelassener Hose durch die Gegend rennen und wie Wahnsinnige schreien!“ sprechen eine deutliche Sprache.

GHB wird auch als „Liquid Ecstasy“ bezeichnet, obwohl es nichts mit den berühmten Rausch-Tabletten gemein hat. In Deutschland fällt GHB seit 2002 unter das Betäubungsmittelgesetz, doch in wenigen Minuten lassen sich zahlreiche ausländische Anbieter googlen, die die Flüssigkeit für rund 75 € pro Liter verkaufen. Ein zweistündiger „Turn“ ist schon für ein bis zwei Euro zu haben.

International hat GHB den Ruf als „K.o.-Tropfen“ und ist als sogenannte „Date Rape Drug“ bekannt. Unabhängig von der Techno-Szene häufen sich Berichte von Frauen oder homosexuellen Männern, die nach einem „Filmriss“ erwachen und feststellen, dass sie vergewaltigt wurden – ohne dass sie den oder die Täter kennen. Dr. Jakob Hein, der Suchtbeauftragte der Charité-Klinik glaubt, dass diese Fälle viel häufiger als selbstverschuldete Überdosierungen vorkommen: „Dazu liegen aber keine harten Zahlen vor.“ Das Problem ist, dass GHB im Körper nur bis zwölf Stunden nach der Einnahme nachzuweisen ist. Eine zu kurze Zeitspanne für jemanden, der überhaupt erst mal realisieren muss, dass er gerade bewusstlos ein Vergewaltigungsopfer geworden ist.

Hubertus Graf Strach kontrolliert inzwischen die Besucher seiner Parties aufs Strengste. Wer trotzdem GHB in den „Golden Gate Club“ schmuggelt, fliegt raus. Der Hausherr hat feste Ansichten: „Wer auf die Regeln hier keinen Bock hat, der soll woanders feiern gehen.“ Damit schützt er vor allem auch unschuldige Gäste. Dorian Mazurek wiederum hofft, dass die Politik sein Engagement unterstützt, wenn seine Kampagne Schlagzeilen macht: „Man muss jetzt handeln, denn noch lässt sich der Einfluss von GHB auf die Partyszene regulieren.“ Schließlich geht es auch um Suchtprävention, da GHB schnell abhängig macht. Der Partymacher bietet aber jedem Erwischten den Dialog an – niemand wird kalt vor die Tür gesetzt.

Einen ersten Erfolg hat er bereits vor einigen Wochen gefeiert, als er einem bekannten GHB-User dreimal hintereinander den Zutritt verwehrte. Nach einem Monat kam dieser wieder und erzählte, dass er sich professionelle Hilfe geholt habe: „Man sah es ihm schon an – er hatte wieder Farbe im Gesicht.“ Ob er sauber bleibt, weiß Mazurek natürlich nicht: „Aber allein dafür, dass er sich damit auseinandergesetzt hat, hat es sich gelohnt.“

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