Kultur : Coca-Collagen

VANESSA MÜLLER

Ein Weltkünstler auf Zwischenstopp - zumindest werbestrategisch scheint die Kunst da eher sekundär.Geworben wird anläßlich der Retrospektive Robert Rauschenbergs im Kölner Museum Ludwig allein mit dem Konterfei des Künstlers mit positivem "feel good"-Appeal.Rauschenberg, das ist die lebende Legende, der letzte Held der amerikanischen Nachkriegskunst.Rauschenberg in Köln, das ist sowieso fast schon ein Heimspiel, besitzt die Sammlung Ludwig mit rund 80 Werken doch selbst eine sehenswerte Kollektion seiner Bilder.

Eine reine Personality Show ist diese selbsternannte Ausstellung der Superlative - die größte Retrospektive des Künstlers überhaupt, die größte Einzelschau in der Geschichte des Museums Ludwig, das größte Kunst-Event des Sommers - zum Glück nicht geworden.Nicht nur quantitativ können sich die rund 300 Gemälde, Objekte, Collagen und Druckgraphiken locker gegen den Personenkult durchsetzen.Das dürfte auch daran liegen, daß die Werke selbst fast schon wie ein eingetragenes Warenzeichen funktionieren.Zwar hat Rauschenberg innerhalb seiner bislang 50jährigen Schaffenszeit viel experimentiert und seinen Stil immer wieder geändert, auf den Wiedererkennungswert, der einen Rauschenberg sofort als solchen ausweist, hat er immer Wert gelegt.Coca-Cola-Logos ziehen sich wie ein roter Faden durch die zahlreichen "Combine Paintings", jene spezielle Mischung aus abstrakter Malerei und collagenhaft applizierten Reststoffen des "american way of life".Auch Reproduktionen der Mona Lisa als Inbegriff des abendländischen Kulturbegriffs zeigen, kritisch verfremdet oder affirmativ integriert, eine kontinuierliche Präsenz.Insofern ist bei allen Werkgruppen eine gewisse Familienähnlichkeit garantiert.

Auch ist Rauschenberg in seinem Schaffen stets der mit Raffinement betriebenen Transfiguration des Gewöhnlichen treu geblieben.Wo sein Vorbild Kurt Schwitters in Dada-Manier gefundenes Material zu abstrakten Farb- und Formcollagen fügt, destilliert er den amerikanischen Zeitgeist aus den Spurenelementen der Zivilisation: alte Kalenderausrisse, Postkarten, Stoffreste und objets trouvés von den Bordsteinen Lower Manhattans zelebrieren als ästhetisch überhöhte Bestandsaufnahme die zufällige Schönheit des Profanen.

Der kreative Pfad, auf dessen Höhepunkt diese Ikonen der amerikanischen Kunst zustande kamen, verläuft zwar nicht schnurgerade, zeigt in der Chronologie der Werkphasen, der die Kölner Schau Rechnung trägt, jedoch erstaunliche Konsequenz.Die "Weißen Gemälde" von 1951 erscheinen wie der für das Selbstverständnis der Avantgarde fast schon obligatorische Beitrag zur Auslöschung der Kunst an sich: monochrom weiße Bilder, die lediglich dem Schatten des Betrachters als Spiegel dienen.Die "Schwarzen Bilder" tragen dann schon den Keim des späteren Erfolgskurses in sich - abstrakt schwarze Kompositionen auf einem Bildgrund aus verknülltem Zeitungspapier.Es folgen kleinformatige Collagen aus Zeitungsausrissen und gefundenem Krimskram.Nach einigen Experimenten mit auf die Leinwand aufgeklebten Materialien, die monochrom übermalt werden, ist es 1954 dann soweit: Die ersten Kombinationsbilder aus Gemälde und Objektmontage entstehen.Klassische Malerei in Manier des abstrakten Expressionismus trifft auf Holzstücke, Möbelreste, Kleiderfetzen und Papiererzeugnisse aller Art und verbindet diese zu undogmatischen Allegorien des modernen Lebens.

Mit dem Umdruckverfahren entdeckt Rauschenberg wenig später eine Methode, gedruckte Bilder aus Zeitschriften im Maßstab 1:1 auf der Leinwand zu reproduzieren.An die Stelle der realen Fundstücke tritt damit das mediale Bildergedächtnis der Ereignisse und Sensationen.Mit diesen "Transfer Drawings" entdeckt Rauschenberg zudem die Möglichkeit, ausgewählte Bildzitate immer wieder dem Mikrokosmos seines eigenen Kunstreichs einzuverleiben: die künstlerische Corporate Identity ist perfekt.

Spätestens in den 80er Jahren wird aus dem so amerikanisch anmutenden Pop-Artisten dann der Weltkünstler, der Botschafter der Kunst, der fremde Kulturen bereist, um deren ästhetische Potentiale für seine Bildsprache zu entdecken.Das ROCI (Rauschenberg Overseas Culture Interchange) ist ein künstlerisches Austauschprogramm in eigener Sache, das bei allem Engagement zur interkulturellen Völkerverständigung den eigenen Werken vor allem einen gewissen Ethno-Touch verleiht - gedruckt wird jetzt auf Seidenstoffe, Assemblagen arbeiten mit Naturmaterialien.Doch entstehen in den 90ern auch innovative Arbeiten wie die Siebdrucke auf Metall aus der "Borealis"-Serie, bei denen Rauschenberg die Oberfläche aufwendig patiniert.Diese Variationen über das Nordlicht in ihrer düster changierenden Farbigkeit nehmen den malerischen Gestus seiner früheren Werke auf, wirken im Vergleich zu den bunten Statements der Sechziger jedoch fast schon barock.

Auch sonst dominiert im Spätwerk letztlich der "Arkadische Rückzug", so der Titel einer Serie, in die Reservate der europäischen Kultur.Pastellige Bildmontagen in Pflanzenfarben-Druck, die Motive aus Kunst und Alltag zu gefälligen Ensembles arrangieren, präsentieren als zeitgenössische Version antiker Wandmalerei ein kalkuliertes Nebeneinander aus Hochkunst und Trivialem: Bröckelnder Putz neobarocker Statuen wird überlagert von Regenschirmen, Blumen stehen pottoresk neben Straßenschildern.Und natürlich gibt es auch hier als Wiedererkennungswert die eine oder andere Colaflasche.

Kölner Museum Ludwig, bis 11.Oktober, Katalog im Verlag Hatje, 68 DM.

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