Kultur : Cocktails aus der Besenkammer

POP

Oliver Heilwagen

Die „Russendisko“ im Kaffee Burger ist mittlerweile den meisten ein Begriff - und sei es nur als Titel des Bestsellers von Wladimir Kaminer. Doch wer kennt ihren Diskjockey? Juri Gurschi heißt der Mann, der allmonatlich bizarre Sowjet-Folklore, schrägen Ostblock-Underground mit Totaltrash mischt. Eigentlich ist der 27-Jährige aus dem ukrainischen Charkow Musiker: Früher spielte er Bass bei Unterwasser, heute leitet er seine eigene Band Rot-Front. Sie kam zu ihrem Namen, weil nur wenige Deutsche Kyrillisch entziffern können: Die vorige Bezeichnung „Rot“, zu deutsch „Mund“, wurde ständig als „Pot“ fehlgedeutet. Also stückelte Gurschi ein „Front" an. Im Acud tritt die Combo im Rahmen der „Ost(t)räume 2002“-Konzertreihe auf, in der an jedem Sonnabend russische Exil-Gruppen aus Berlin vorgestellt werden (wieder am 23.11). Auf der Besenkammer-Bühne des Kulturzentrums finden die zehn Ensemblemitglieder kaum Platz: Sänger und Performer Dr. Bajan flüchtet bald nach vorne und nimmt ein Bad in der Menge. Die jubelt den Akteuren zu, während sie virtuos vermeiden, einander mit ihren Gitarrenhälsen aufzuspießen. Da macht sich wohl langjährige Erfahrung mit Gastspielen in sowjetischen Wohnküchen bezahlt. Wie ein Radio in der Kommunalka nebenan klingt auch das Repertoire: Ekstatische Folkpunk-Stomper wechseln mit Balladen und experimentierfreudigen Artrock- Improvisationen. Osteuropäische Melodik bleibt stets präsent, wird aber mit diversen Einflüssen zu einem Soundcocktail verrührt, der auch dem hiesigen Szenepublikum mundet. Genauso eklektisch wie Gurschis Russendisko-Sets, aber wärmer und sanfter. Denn zum Tanzen ist diese Wohnzimmer-Konzerthalle zu klein.

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