„Coffee and Cigarettes“ : Abwarten und Kaffee trinken

Zwei Dinge braucht der Mensch: „Coffee and Cigarettes“, Jim Jarmuschs schwarzweißer Kinoblues

Christiane Peitz

Pausen sind Löcher in der Wirklichkeit. Nichts geschieht, das Mittagessen ist vorbei, der Tag noch lang. Wir haben jetzt Pause, sagt der eine, der andere findet das deprimierend. Die beiden trinken Kaffee aus Pappbechern, prosten sich zu, rauchen eine Zigarette. Die Kamera bewegt sich nicht, die Welt steht still. Aus der Ferne ertönt „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, Gustav Mahlers traurigstes Lied. Taylor Mead, Underground-Veteran der Beatgeneration, hält ein Nickerchen. Sein Freund Bill Rice lässt ihn in Ruhe. Das ist das Ende.

„Coffee and Cigarettes“ ist ein Film über Pausen. Elf Miniaturen über die Zeit, in der man Kaffee trinkt, eine raucht und redet. Elf Gigs in Schwarzweiß, kurze Begegnungen in Cafés, Hotels, Bars, Restaurants, Improvisationen mit Tasse, Zuckerdose und Aschenbecher auf karierter Tischplatte. Soli und Duette mit gelegentlichem Kellner-Zwischenspiel, ein 96 Minuten langer Kinoblues: Jim Jarmuschs coolster, zartester, melancholischster Film. Die erste Episode drehte er 1986, die sechs letzten 2003: Chronik der amerikanischen Pop- und Independent-Geschichte.

Dabei fängt es ziemlich komisch an. Roberto Benigni kippt mit zitternder Hand Espresso, zaubert Slapsticks mit Gabel und Tässchen, während Steven Wright ihm erklärt, dass Kaffee vorm Einschlafen für schnellere Träume sorgt. Tom Waits und Iggy Pop schwärmen, wie gut der Glimmstängel schmeckt, nachdem man mit dem Rauchen aufgehört hat. Früher gab es die Kaffee-und-Kuchen-Generation, wir sind dieCoffee-and-Cigarettes-Generation.In der Jukebox gibt es keinen Song von Tom Waits. Kleine Spitzen erhalten die Freundschaft: Nach Iggys Abgang bemerkt Tom, dass der auch nicht in der Sammlung vertreten ist. Und während die Scorsese-Mafiosi Joe Rigano und Vinny Vella einander vor den Gefahren von Nikotin und übermäßigem Kaffeegenuss warnen, trifft Hollywoodstar Cate Blanchett ihre abgehalfterte Cousine (wiederum: Cate Blanchett) in der Lounge – die beiden mögen sich nicht.

Skurrile Begebenheiten, verpasste Gelegenheiten: „Coffee and Cigarettes“ ist auch ein Film über die schier unmögliche Kunst, sich zu verstehen. Einer wartet, einer kommt zu spät, man ist ungeduldig, verlegen, höflich, streckt die Fühler aus, streitet sich über Elvis oder den Schlagzeuger, Kummer, Krankheiten und den Erfolg. Jeder Schluck eine Kontaktanzeige, jeder Zug eine Annäherung. Es ist die Geste, die zählt. Wenn zwei zusammen sitzen bei Kaffee und Zigaretten, bilden sie eine verschworene Gemeinschaft. Wenigstens für Minuten.

Wenn Joie und Cinqué Lee, Geschwister von Spike, sich kabbeln, wenn der Komiker Steve Coogan dem zuvorkommenden Alfred Molina bei einer Tasse Tee (im 21. Jahrhundert der Gesundheitsapostel) eine Abfuhr erteilt, wird deutlich, wie sehr Jarmusch von seinesgleichen erzählt. Von den Eitelkeiten und Einsamkeiten der Berühmten, von Künstlerneid, Künstlerstolz und der Sehnsucht nach Nähe. Der Preis des Ruhms: dass man einander kaum mehr zu begegnen weiß.

Das paradox Schöne: „Coffee and Cigarettes“ ist gleichzeitig eine Hommage an die Freundschaft. Jim Jarmusch, seit „Stranger in Paradise“ Amerikas berühmtester Independent-Regisseur, versammelt Kollegen und Weggefährten. Auch die Zuschauerin trifft alte Bekannte, Idole vergangener Jahrzehnte, in jeder Episode einen anderen Lieblingssong. Iggy Pop singt „Louie, Louie“, The Stooges sind dabei, die Skatalites, Tom Waits natürlich und das Modern Jazz Quartett. Gefühlte Geschichte, remixed, mit einem Löffelchen Nostalgie. Eine Art Konzeptalbum: Laut „New York Times“ besitzt der Film die Wahrhaftigkeit einer alten LP.

Nun könnte man sich darüber amüsieren, dass Jarmusch im Land des fundamentalistischen Nichtrauchertums Short Stories ansiedelt, in denen pausenlos geraucht wird. Man könnte sich darüber freuen, wie er mit der Zeit geht und die Rapper GZA und RZA vom Wu-Tang Clan mal eben ihre Staccato-Poeme absondern lässt, während Bill Murray den chronisch hustenden Kellner gibt. Und man könnte zugeben, dass manche Kaffeezigarettennummer nur gepflegte Langeweile verbreitet. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist der Nachhall, wenn der Kaffee ausgetrunken, die Schachtel geleert ist. Die Stille zwischen den Wortwechseln. Die Gelassenheit, das unendlich Relaxte der Bilder.

Wo sind wir, derart abhanden gekommen: im Traum? Jenseits der Musik? Bei den Untoten? Die Alten am Schluss verraten es: Auf dieser Welt kann man niemals so entspannt Kaffee trinken und rauchen. Es muss das Paradies sein. Oder der Vorhof der Hölle. Der Rest ist Erinnerung.

In Berlin im Central, Filmkunst 66, Filmtheater am Friedrichshain, Kulturbrauerei, Neues Off, Odeon, Yorck (alle OmU).

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