„Cry Me A River“ von Alice Socal : Tränenfluss

Bereits mit ihrem Debüt „Sandro“ überzeugte Alice Socal durch souveräne Bildgestaltung – im Nachfolgewerk „Cry Me A River“ gelingt ihr das noch besser.

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Hier bleibt kein Auge trocken - alles muss raus: Eine Doppelseite aus dem besprochenen Band.
Hier bleibt kein Auge trocken - alles muss raus: Eine Doppelseite aus dem besprochenen Band.Foto: Rotopolpress

Der Titel „Cry Me A River“ spielt auf Justin Timberlakes gleichnamiges Lied über dessen Trennung von Britney Spears an. Der Song, veröffentlicht auf dem Album „Justified“, markiert den Imagewechsel des Teeniestars nach seinen vorherigen Erfolgen mit der Boygroup *NSYNC.

Die Inanspruchnahme von zu jener Zeit im Musikgeschäft tonangebenden Produzenten führte unter anderem zur Zusammenarbeit Timberlakes mit Tim „Timbaland“ Mosley, der nicht nur mit Missy Elliot richtungsweisende und experimentierfreudige Alben in den Charts platzieren konnte: So etablierte er gelegentlichen Schwulst kontrapunktierende Samples wie die Schreie des japanischen Urzeit-Ungeheuers Godzilla im Song „What's So Different“ von Contemporary-R&B-Star Ginuwine, aber man stand schließlich an der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend.

Der Videoclip jedenfalls zum von Timbaland produzierten und mitkomponierten Song von Timberlakes Trennungsdrama geizt nicht mit der Veranschaulichung und Metapherisierung tränenseliger Feuchtigkeit: Von Duschen über Swimmingpools bis zum Regen wird in der visuellen Umsetzung alles aufgefahren.

Für die unglücklichen Paare mündet alles in einem Fluss ohne Wiederkehr: Ein Panel aus dem Buch.
Für die unglücklichen Paare mündet alles in einem Fluss ohne Wiederkehr: Ein Panel aus dem Buch.Foto: Rotopolpress

Wasser marsch!

In ihrem Comic erzählt Alice Socal ebenfalls nah am Wasser bauend von einem sich im Ausland auseinanderlebenden Paar, nebst eines durch frühzeitiges Ableben tragisch entzweiten Hundeduos.

Dank letzerem Handlungsfaden hätte „Puppy Love“ vom früher im gleichen Gewerbe des hingeschluchzten pubertären Liebesmelodram tätigen Donnie Osmond sich als ähnlich titeltauglich erwiesen, aber das wäre eventuell dem Hauptmotiv der jungen Künstlerin nicht ganz so zuträglich gewesen. Kann diese doch unter Nutzung der Vielgestaltigkeit flüssiger Aggregatszustände grafisch einen souverän-liquiden Stil installieren, bei dem paradoxerweise der Erzählfluss unverwässert bleibt. Aber durch eine der Timberland'schen Produktionsweise verwandte Technik der Kontrapunktion mittels Abstraktion bleibt hier die künstlerische Distanz aufrechterhalten, welche sonst gnadenlos im Meer trivialer Beziehungsdetails versinken würde.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.
Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Rotopolpress

Dabei wird ein Niveau grafischer Inszenierung erreicht, das durchaus beeindruckt – beispielsweise ist der sich oft gern männlichen Blickinszenierungen unterwerfende Liebesakt schon in den Positionierungen der Figuren auf eine andere Sichtweise hin angelegt. Deren Auflösung in den Blick herausfordernde Perspektiven sowie die suggestive Rückführung zu einer Ahnung sekundärer Geschlechtsmerkmale ist folgerichtig erfrischender, weil ungewohnter Natur.

Besonders erfreulich ist, dass Alice Socal erneut ein Werk vorlegt, das nicht irgendwelche am Wegesrand liegenden literarischen Stoffe adaptiert oder allzu arg selbstbetroffen daherkommt, sondern, wie bereits im durch ein Übermaß an bildgestalterischen Kniffen etwas schwieriger lesbaren Vorgänger „Sandro“, sich ganz auf ihre eigenen Erzählfähigkeiten verlässt; ein Umstand, der im gegenwärtigen deutschen Comicgewerbe leider immer noch nicht hoch genug bewertet werden kann.

Alice Socal: Cry Me A River, Rotopolpress, 136 Seiten, 16 Euro

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