„Lauter Leben“ von Nicolas Wouters und Mikael Ross : Gezeichneter Exzess

Zwischen Sehnsucht und Wahn: Nicolas Wouters und Mikael Ross erzählen in „Lauter Leben“ von den dramatischen Folgen eines Wiedersehens zweier Jugendfreunde. In Berlin zeigt eine Ausstellung Originale aus dem Buch sowie aus der Graphic Novel „Burn out“.

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Die große Flatter: Eine Szene aus dem besprochenen Band.
Die große Flatter: Eine Szene aus dem besprochenen Band.Foto: Avant

Thomas ist ein typischer Anti-Held. In manischer Selbstkontrolle frisst er alles in sich hinein, was ihm widerfährt, und verstummt. Er dachte, er könne es sich in der beklemmenden Enge des Bürgertums gemütlich machen. Doch die heile Welt erdrückt ihn und lässt ihn als Familienvater scheitern. Er verkriecht sich auf den Dachboden seines mit einer Hypothek belasteten Einfamilienhauses. Dort stößt er auf eine Kiste mit Erinnerungsstücken aus seiner Jugend, darunter ein paar Springerstiefel. Die Fundstücke rufen ihm in Erinnerung, dass er vor nicht allzu langer Zeit die große Freiheit gesucht hat. Thomas beschließt zu fliehen.

Auf seiner Flucht begegnet er nach Jahren seinem Jugendfreund Martin, dessen Weg, gepflastert mit Alkohol, Drogen und Gewalt, konsequent in den düsteren Untergrund führte. Auf einem Bahnhof stehen sich die alten Freunde, beide an die Ränder ihres Daseins katapultiert, plötzlich gegenüber. Thomas’ anfängliche Ablehnung Martin gegenüber weicht der Erinnerung an die gemeinsame Sehnsucht nach dem Genießen des Moments. „No Future“ lautete der gemeinsame Schlachtruf, in dem sich der Wunsch nach Lebendigkeit und das Aufbegehren gegen die Gegenwart der beiden Heranwachsenden äußerte. Jahre ist es her.

Punk und Klassik, Brüssel und Berlin

Der belgische Schriftsteller, Drehbuchautor und Illustrator Nicolas Wouters und der aus München stammende und heute in Berlin lebende Zeichner Mikael Ross fragen in ihrer bei Avant erschienenen Erzählung „Lauter Leben“, wie viel Freiheit möglich ist und was es heißt, aufrichtig zu sein. Der Titel spielt auch auf die gesteigerte Lautstärke des Milieus an, in dem sich Martin bewegt. Die Erzählung pendelt zwischen Erinnerung und Gegenwart, Revolution und Bürgertum, Punkrock und Klassik, Brüssel und Berlin. Die Frage, welche Kompromisse man bereit ist für eine gewachsene Freundschaft einzugehen, in der jede Schwäche offenliegt und keine Geheimnisse existieren, stellt sich vor allem Thomas immer wieder.

Harte Schale: Das Buchcover.
Harte Schale: Das Buchcover.Foto: Avant

Ross hat sich für die spektakuläre zeichnerische Umsetzung im Portfolio der alternativen Comicszene frei bedient. In wilden, gebrochenen und krakeligen Zeichnungen in grellem Rot steckt etwa die alle Dämme brechende Wut Martins, kontrastiert von den ruhigeren Außenperspektiven des Beobachters Thomas. „Lauter Leben“ erzählt von Thomas’ Sehnsucht nach Leben und von Martins grenzenlosem Wahn, in den diese Sehnsucht kippen kann. Der Comic setzt diese Dynamik grandios um – als gezeichneter Exzess.

Nicolas Wouters und Mikael Ross: Lauter Leben, Avant, 104 Seiten, 19,95 Euro, Leseprobe hier.

Ausstellungshinweis: Ab Donnerstag, dem 11. September, sind Arbeiten von Mikael Ross und Mikkel Sommer („Burn out“) im Freien Museum Berlin, Bülowstraße 90, zu sehen. Die Vernissage beginnt am 11.9. um 19 Uhr, die Ausstellung ist bis 28. September zu sehen. Mehr unter diesem Link.

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