Abenteuercomic „Julian B.“ : Weltenbummler wider Willen

Wie Tim und Struppi mit erwachseneren Themen: Dank einer Neuauflage kann man den franko-belgischen Abenteuercomic „Julian B.“ von Dieter und Michel Plessix jetzt neu entdecken.

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Generationskonflikt: Julian B. mit seiner Mutter.
Generationskonflikt: Julian B. mit seiner Mutter.Foto: toonfish

Viele Comic-Helden altern nicht. Julian Boisvert schon. Zu Beginn des zeitlosen franko-belgischen Abenteuercomics „Julian B.“, der kürzlich neu auf Deutsch veröffentlicht wurde, verlässt der junge Reporter Julian genervt seine heimische Komfortzone und zieht aus, um ganz gegen seine Natur in der Fremde das Abenteuer zu suchen.

Die überstürzte Flucht aus seinem bequemen französischen Alltag führt ihn zunächst nach Afrika, wo er einen Flugzeugabsturz überlebt und von einem friedlichen Nomadenstamm aufgenommen wird, der wegen der Habgier westlicher Konzerne viel Leid erdulden muss. Danach geht es nach Großbritannien. Dort verschwindet vor Julians Augen ein kleiner Junge. Der Suchende lernt eine schöne Frau kennen, die auf dem Weg zu seinem Erwachsenwerden eine wichtige Rolle spielen wird. Dann nimmt sein Dasein in Mexiko zwischen Schamanen und Mördern eine unerwartete Wendung, ehe Julian in den USA zusammen mit der treuen Basset-Spürnase Gilbert seinen Vater sucht und am Ende in den Kampf gegen White-Power-Rassisten verwickelt wird. Unterwegs lernt Julian viel über sich selbst, über die Menschen, die Frauen, das Leben.

Dass Julian B. sich psychisch wie physisch sichtbar weiterentwickelt und keinesfalls fehlerfrei durch sein Leben geht, ist nur eine der Stärken des Comics, der in den abwechslungsreichen Episoden auch sozialkritische Töne anschlägt. Hinzu kommt, dass die Zeichnungen von Michel Plessix nach wie vor herausragen: Seine Art, mit Bildern zu erzählen, ist außergewöhnlich, der Strich unverkennbar.

Selbstfindung in der Fremde: Die Hauptfigur auf dem Cover des Sammelbandes.
Selbstfindung in der Fremde: Die Hauptfigur auf dem Cover des Sammelbandes.Foto: toonfish

Die preisgekrönte Geschichte von Plessix und Szenarist Didier Teste alias Dieter, ursprünglich Anfang der 1990er Jahre in Form von vier Einzelalben erschienen, wurde beim Toonfish-Label des Splitter-Verlags nun als Hardcover-Sammelband neu aufgelegt. Damit ist das Werk in guter Gesellschaft, hat man hier doch erst die überfällige Neuausgabe von Plessix’ wunderschöner Comic-Adaption des britischen Kinderbuchklassikers „Der Wind in den Weiden“ veröffentlicht und seine Verbeugung „Der Wind in den Dünen“ als deutsche Erstausgabe nachgeschoben.

Trotz mancher formaler Ähnlichkeiten mit „Tim und Struppi“ ist „Julian B.“ weit mehr als eine erwachsene Verbeugung vor dem Klassiker und auch nach all den Jahren noch immer eine überzeugende Heldenreise.

Dieter und Michel Plessix: Julian B. Gesamtausgabe, toonfish/Splitter, 192 Seiten, 34,80 Euro, Leseprobe hier.

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