Action-Comic : Der Anti-Batman

Die Retro-High-Tech-Gangster-Geschichte "Tanătos" lockt mit opulenten Bildern – und enttäuscht mit einer uninspirierten Geschichte und austauschbaren Charakteren.

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Größenwahnsinniges Genie. Szene aus "Tanatos".Illustration: Delitte/Ehapa

Fantômas, Professor Moriarty, Blofeld, Fu Manchu … wenn es der Welt der Unterhaltungsliteratur an einem wahrlich nicht mangelt, dann an irren Tausendsassas mit Weltmachtsfantasien. In die Riege der (größen-) wahnsinnigen Genies gehört auch Tanătos oder „Der Sohn des Todes“, als den ihn der Titel des ersten Sammelbandes der Serie von Didier Convard und Jean-Yves Delitte etwas marktschreierisch ankündigt.

Die erst Begegnung mit dem sich gerne in Leder oder Latexmasken hüllenden kriminellen Universalgelehrten ist dann aber auch erstmal von beeindruckender Opulenz. Frankreich schreibt das Jahr 1913, die Zeitungen künden vom Klassenkampf, am Horizont schwelt drohend der erste Weltkrieg. Dazwischen sitzt der Titelbösewicht wie ein Anti-Batman in einer Höhle und bastelt an High-Tech und an seinen Plänen zur Weltherrschaft.

Ein Fest für Technofetischisten

Jean-Yves Delitte hat diese Welt in wunderschönen, beeindruckend detaillierten Bildern festgehalten. Und wie er in diesen allerlei Gerätschaften und Gefährte des frühen 20. Jahrhunderts verewigt, dürften selbst vor den Augen von Technofetischisten Gnade finden, die sonst nur superrealistische Buck-Danny-Fliegercomics lesen.

Allerdings trügt der schöne Schein. Nachdem die ersten Seiten umgeblättert, die ersten Masken ausprobiert, die ersten Ränke geschmiedet wurden, fällt auf, dass die optische Fülle im krassen Widerspruch zum Gehalt der Geschichte steht. Uninspiriert stellt Didier Convard hier die Bausteine der Genreklassiker aufeinander: Viel technisches Spielzeug, Verfolgungsjagden über Häuserdächer, Entkommen in letzter Minute … Das mag als aufrichtige Hommage gedacht sein, trägt aber keinesfalls zu einer aufregenden Lektüre bei. Spannung? Überraschende Wendungen? Fehlanzeige.

Der Erste Weltkrieg als Komplott eines Superverbrechers

Auch die Figuren bleiben austauschbar. Tanătos Gegenspieler, ein Detektiv im Sportwagen, hat bis zum Ende kein wirkliches Profil gewonnen.

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Störend auch, dass Tanătos Gehilfen Namen wie „Angsttöter“ oder „Um-die-Ecke-Bringer“ tragen müssen. Das klingt nicht erst beim zweiten Lesen reichlich bescheuert.

Am fragwürdigsten jedoch bleibt, dass uns hier am Ende der Erste Weltkrieg als Komplott eines Superverbrechers untergejubelt werden soll, der auf den Profit aus dem Waffengeschäft schielt. Was uns dieser Verschwörungsunfug sagen soll? Angesichts der tatsächlichen multiplen politischen Verstrickungen bleibt das reichlich schleierhaft. Ein schönes Bilderbuch. Mehr ist Tanătos leider nicht geworden.

Didier Convard und Jean-Yves Delitte: Tanătos – Der Sohn des Todes (Band 1), Ehapa Comic Collection, 112 Seiten, 29,95 Euro. Mehr unter
diesem Link.

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