Alan Moores "Nemo - The Roses of Berlin" : Wahn und Wimmelbilder

Alan Moore wirft mit seinem neuen Band "Nemo - The Roses of Berlin" die deutsche Geografie und Sprache durcheinander - die Kunstform Comic nicht mehr.

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"Ich nähere mich jetzt Ihnen". Das Deutsch, dass Alan Moore seine Figuren sprechen lässt, klingt oft ein wenig hölzern.
"Ich nähere mich jetzt Ihnen". Das Deutsch, das Alan Moore seine Figuren sprechen lässt, klingt oft ein wenig hölzern.Top Shelf

Nächster Halt: Berlin Hauptbahnhof. Nach London, Südpol, London, Hogwarts und immer wieder London erreicht Alan Moores Zitatezirkus nun die deutsche Hauptstadt und das Jahr 1941.

Als Rohmaterial für „Nemo – The Roses of Berlin“, für das Moore einmal mehr seine durch die "Liga der ungewöhnlichen Gentlemen"-Reihe wohl erprobte Kulturrecyclingmaschine angeworfen hat, dienen diesmal historische Ereignisse und Figuren wie Erwin Rommel und der Zweite Weltkrieg, vor allem aber Kulturgut wie „Der große Diktator“ und die Filme Fritz Langs. Alan Moores Berlin sieht in dem jetzt auf Englisch erschienen Band aus wie die Kulissen von „Metropolis“, durch die unter anderem die Herrn Doktoren Caligari und Mabuse wandeln. Wer sucht, findet darüber hinaus Anspielungen auf Professor van Dusen, H. Ridder Haggard oder Jules Verne. Der ganz normale Wahnsinn, also. Wie immer gilt: Wer es ernst meint mit der Exegese, halte sich an Jess Nevins Bild-für-Bild-Analyse.

So tief die Verweisstruktur, so flach ist allerdings die Geschichte, die Moore als Vorwand für seine Nerd-Schnitzeljagd dient. Captain Nemos Tochter Janni und ihr Partner Jake machen sich auf, um ihre gemeinsame Tochter und deren Ehemann zu befreien, die sie in der Hand von Diktator Hynkels Truppen vermuten. In Berlin angekommen, rennen sie den Gegnern erst in die Hände und dann vor ihnen weg. Es folgen ein etliche Seiten Gemetzel - und das war es dann.

Grafisch aber ist der Band über alle Zweifel erhaben

Hat man seine Ansprüche nach den vergangenen schwachen Bänden der „Liga der außerordentlichen Gentlemen“-Reihe runtergeschraubt, und sich an den Gedanken gewöhnt, dass nicht alles, was den Name Alan Moore trägt, automatisch große Kunst ist, kann man sich mit „The Roses of Berlin“ allerdings trotzdem gut amüsieren. Und zumindest Grafisch ist die Arbeit über alle Zweifel erhaben. Die Bilder von Kevin O’Neill sind gewohnt detailverliebt und oft überraschend großformatig, was häufig an Wimmelbilder denken lässt. Die Kollorierung von Ben Dimagmaliw ist satt und knallig.

Irritierend ist für alle der deutschen Sprache Mächtigen ist lediglich die reiche Verwendung des Idioms im ansonsten englischsprachigen Band. Das Deutsch, dass Moore hier sprechen lässt, klingt reichlich gestelzt in seiner offensichtlichen Wort-für-Wort-Übersetzung. Mitunter ist es sogar falsch, wenn im Wort „Staatsbordell“ das s vergessen wird. Da hätte man von einem sonst so peniblen und belesenen Autor doch etwas mehr Gründlichkeit erwarten können. Dann wäre vielleicht auch aufgefallen, dass die Elbe nicht nach Potsdam fließt.

Stummfilm, Säbel, Sturzkampfbomber. Das Cover des aktuellen Bandes.
Stummfilm, Säbel, Sturzkampfbomber. Das Cover des aktuellen Bandes.Top Shelf

Alan Moore & Kevin O’Neill: „Nemo – The Roses of Berlin“, Top Shelf, 56 S. 11 bis 14€ (Import)

 

 

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