Alison Bechdels „Wer ist hier die Mutter?“ : Das Drama der begabten Tochter

Alison Bechdels Graphic Novel „Fun Home“ gilt als Meilenstein des autobiographischen Comics. Jetzt ist der Nachfolger „Wer ist hier die Mutter?“ auf Deutsch erschienen. Kann er die hohen Erwartungen erfüllen?

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Traumtherapie: Eine von vielen Analysen, die in dem Buch beschrieben werden - in diesem Fall im improvisierten Rahmen.
Traumtherapie: Eine von vielen Analysen, die in dem Buch beschrieben werden - in diesem Fall im improvisierten Rahmen.Foto: KiWi

Mit ihrem autobiografischen Familiendrama „Fun Home“ (Tagesspiegel-Rezension hier), das weit über die Comicszene hinaus begeistert aufgenommen und vom „Time Magazine“ zum besten Buch des Jahres 2006 gekürt wurde, schien es, als habe die US-amerikanische Autorin und Zeichnerin Alison Bechdel ihr Opus Magnum vorgelegt. Danach konnte es nur bergab gehen, so war zu befürchten. Was sollte nach der vielschichtigen Aufarbeitung der Beziehung zu ihrem Vater vor dem Hintergrund dessen heimlicher Homosexualität noch kommen, das es mit einem comicliterarischen Meisterwerk von dieser Größe aufnehmen könnte?

Mit klugem Blick und trockenem Humor rekonstruierte sie da ihre Kindheit und Jugend, reflektierte ihre eigene Homosexualität und die Beziehung zu ihrem Vater, spielte mit literarischen Verweisen und erwies sich zudem noch als überaus talentierte Zeichnerin mit einem klarem Strich und traumwandlerischem Gespür für Struktur und Komposition. Das provozierte zu Recht Vergleiche mit Art Spiegelmans „Maus“ und Marjane Satrapis „Persepolis“ – zwei Autoren, die nach ihren jeweils neue Standards setzenden Meisterwerken nichts auch nur annähernd Vergleichbares mehr geschaffen haben.

Unterstützung von Freud, Winnicott und Alice Miller

Mit der vor knapp zwei Jahren erschienenen Graphic Novel „Are You My Mother?“ - eine deutsche Ausgabe ist jetzt bei Kiepenheuer und Witsch veröffentlicht worden - beweist die inzwischen 51-jährige Bechdel nun, dass sie ihren Zenit als Erzählerin und Künstlerin noch lange nicht überschritten hat. Zum zweiten Mal taucht sie tief in die eigene Familiengeschichte ein und arbeitet diesmal die Beziehung zu ihrer Mutter auf. Die ehemalige Lehrerin, Hobbyschauspielerin und am kulturellen Leben bis ins Rentenalter hochinteressierte Frau wird von Bechdel einerseits als modern, klug und intellektuell aufgeschlossenen beschrieben. Zugleich agiert sie gegenüber der Tochter aber merkwürdig kühl, abwertend, distanziert und ohne Verständnis für deren persönliche, sexuelle und künstlerische Entwicklung.

Bei der Aufarbeitung der schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung beweist Bechdel erneut eine beeindruckende erzählerische Komplexität und analytische Klugheit. Ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion und ihr Vermögen, ein persönliches Drama als allgemeingültige Geschichte zu erzählen, können dem Vergleich mit Spiegelman & Co. ein weiteres Mal standhalten. Bechdel ist eine so gute Erzählerin, dass man ihr gerne beim öffentlichen Nachdenken zuschaut. Auch zähe Therapiesitzungen oder langweilige Telefonate mit ihrer Mutter vermag so zu schildern und in pointierten Panelfolgen zu illustrieren, dass man sich nebenbei auch noch gut unterhalten fühlt.

Zeitsprünge: Eine Szene aus der Kindheit der Autorin, kontrastiert mit der erzählten Gegenwart.
Zeitsprünge: Eine Szene aus der Kindheit der Autorin, kontrastiert mit der erzählten Gegenwart.Foto: KiWi

Seit „Fun Home“ hat sie sich zudem zeichnerisch sogar noch gesteigert und  nutzt die Möglichkeiten des Comics durch geschickte Bild-Text-Kontrastierungen noch souveräner, um die widersprüchliche und konfliktbeladene Beziehung zu ihrer Mutter aufzuarbeiten. Die ist zwar auf den ersten Blick weniger spektakulär als die tragische Geschichte vom wahrscheinlichen Suizid und der vorhergehenden Leidensgeschichte ihres Vaters. Dafür dürfte „Are You My Mother?“ bei noch mehr Lesern sehr persönliche Assoziationen auslösen. Früher oder später wird wohl jeder bei der Lektüre der knapp 300 Seiten Elemente des eigenen Verhältnisses zu seiner Mutter wieder erkennen.

Wo bei „Fun Home“ in Anspielung auf den Beruf der Eltern – beide waren Englischlehrer – die großen Literaten beim Verständnis halfen und Bechdel ihren Vater mit Hilfe von Proust, Joyce oder Camus analysierte, sind es diesmal die Ikonen der Psychologie und Psychoanalyse, kombiniert mit denen der feministischen Literatur, die der Tochter dabei helfen, ihr Thema in den Griff zu bekommen. Dank jahrelanger Besuche bei wechselnden Therapeutinnen und der in schlaflosen Nächten durchgearbeiteten Werke von Sigmund Freud, Donald Winnicott und Alice Miller („Das Drama des begabten Kindes“) bringt Bechdel ein fundiertes Wissen psychologischer Zusammenhänge mit, das sie auf einfühlsame und gelegentlich erfrischend selbstironische Weise auf sich und ihre Mutter anwendet.

Egozentrisch: Immer wieder lässt Bechdel die Leser an der Entstehungsgeschichte des Buches teilhaben.
Egozentrisch: Immer wieder lässt Bechdel die Leser an der Entstehungsgeschichte des Buches teilhaben.Foto: KiWi

Liebe? Ein Fremdwort

Der Clou: Sie reflektiert das Schreiben und Zeichnen des Buches als Work-in-Progress, sodass der Leser quasi Zeuge der Entstehung der Graphic Novel wird, zu der Bechdel das Material ihres Lebens in akribischer Kleinarbeit montiert. Das ist klug konstruiert, wirkt aber dank des handwerklichen Könnens der Zeichnerin Bechdel nie bemüht. Beeindruckend, wie sie es schafft, durch aufgeschriebene Gedanken, gesprochene Worten und Bilderfolgen bis zu drei erzählerische Ebenen gleichzeitig zu präsentieren und mit einander korrespondieren zu lassen, sodass sie zusammen weit mehr als die Summe ihrer Teile ergeben.

Zum Beispiel in einer Schlüsselszene, in der ihre Mutter die kleine Alison in einer emotional schwierigen Phase unvermittelt fragt, ob sie sie liebe, woraufhin das Mädchen sprachlos erstarrt. Parallel dazu lesen wir die Gedanken des jungen Mädchens zum Thema Liebe, was in ihrer Familie offenbar ein selten gebrauchter Begriff war, da Literatur und intellektuelle Diskurse zwar hoch im Kurs standen, Emotionen aber weitgehend tabu waren. Die dritte Ebene liefert in dieser Szene der laufende Fernseher, in dem gerade die Lieblingssendung der Mutter läuft, in der just in diesem Moment zwei Figuren einander existenziell wichtige Fragen stellen.

Spieglein an der Wand. Das Buchcover.
Spieglein an der Wand. Das Buchcover.Foto: KiWi

Szenen wie diese, die die schwierige Beziehung von Mutter und Tochter in ihrer Vielschichtigkeit vermitteln, finden sich in diesem Buch zahlreich. Sie ergeben nach und nach die Teile eines psychologischen Puzzles, das zwar nicht alles aber doch vieles erklären hilft, was der immer wieder von Depressionen und Selbstzweifeln heimgesuchten Bechdel das Leben schwer macht. „Wer ist hier die Mutter?“ ist eine der intellektuell und emotional anregendsten Graphic Novels der vergangenen Jahre. 

Alison Bechdel: Wer ist hier die Mutter? Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Pletzinger und Tobias Schnettler. Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 22,99 Euro, Leseprobe auf der Website des Verlages.

Hinweis: Dieser Artikel ist eine leicht überarbeitete Fassung einer Rezension des Originalausgabe des Buches von 2012. Eine weitere Besprechung der deutschen Ausgabe erscheint in Kürze im Tagesspiegel.

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