„Auf dem Drahtseil“ von James Vance und Dan E. Burr : Zirkus im Ausnahmezustand

James Vance und Dan E. Burr führen in „Auf dem Drahtseil“ in die Zeit der Großen Depression – und zeigen Parallelen zur Gegenwart auf. Zeichnerisch und erzählerisch kann ihr Buch jedoch nicht vollkommen überzeugen.

Thomas Greven
Brot und Spiele: Eine Szene aus dem Buch.
Brot und Spiele: Eine Szene aus dem Buch.Foto: Metrolit

Die Graphic Novel „Auf dem Drahtseil“ (im Original „On the ropes“) ist die etwas weniger dicht erzählte Fortsetzung des zuerst 1990 in Buchform erschienenen modernen Comic-Klassikers „Kings in Disguise“, 2006 wiederveröffentlicht, aber bisher auf Deutsch nicht erhältlich. Diese erste Geschichte des deutschstämmigen Fred Bloch, der in den Wirren der „Great Depression“ der 1930er Jahre erwachsen wird und ohne Familie klar kommen muss, wird im neuen Band an verschiedenen Stellen kurz rekapituliert, doch der Leser braucht sie im Grunde nicht, um das neue Abenteuer zu verstehen.

Wie schon im ersten Band dient dieses nämlich vor allem dazu, einen gründlichen Blick auf die amerikanische Gesellschaft in dieser Periode zu werfen. Diese Perspektive ist von historischer und aktueller Bedeutung, entstand doch in dieser Phase das auch heute noch prägende Grundgerüst des (rudimentären) amerikanischen Wohlfahrtsstaats – während in Europa die Krise mitverantwortlich für Faschismus und Nationalsozialismus war.

Woody Guthrie und Bob Dylan im Ohr

Den Autoren geht es um die wichtige Einsicht, dass eine Verbesserung von sozialen Missständen weder von selbst noch vornehmlich durch individuelle Anstrengungen erreicht werden kann. Vance und Burr positionieren sich damit deutlich gegen die amerikanische Ideologie des „rugged individualism“ und appellieren an die Kraft des gemeinsamen Handelns, indem sie die Rolle kommunistischer Aktivisten beim Aufstieg der Gewerkschaften in den Mittelpunkt stellen. Ist die KP der USA auch zu Recht in Vergessenheit geraten, so sind die Parallelen zur heutigen Krisensituation offensichtlich und daher ist jeder Verweis auf die Zentralität kollektiven Handelns willkommen.

Wenig dynamisch: Eine Szene aus dem Buch.
Wenig dynamisch: Eine Szene aus dem Buch.Foto: Metrolit

Die „Great Depression“ und die hier porträtierte Phase des „New Deal“ – mit den öffentlichen Anstrengungen zur Schaffung von Arbeitsplätzen, zum Beispiel in einem subventionierten Zirkus, dem Freddie angehört – sind uns visuell vor allem durch die Verfilmung von John Steinbecks „Früchte des Zorns“ vertraut; auf den bereits 1939 erschienenen Roman wird im Comic auch verwiesen.  Im Ohr haben wir aus dieser Zeit vielleicht die Songs von Woody Guthrie oder ihre Weiterentwicklungen durch Bob Dylan und andere.

Schleppende Dialoge, steife Figuren

Vance/Burr re-kreieren durchaus erfolgreich die Atmosphäre der schwierigen 30er Jahre und sie erzählen eine wichtige Geschichte von Solidarität und politischem Überzeugungshandeln im Angesicht von ökonomischer Krise und staatlicher und unternehmerischer Brutalität und Repression. Doch leider gelingt es den Autoren nicht, Figuren und Dialoge wirklich zum Leben zu erwecken.

Insbesondere bei aktionsorientierten Panel-Folgen wird klar, dass Burr zeichnerisch keine Dynamik erzeugen kann. Da insbesondere Nebenfiguren dazu noch schwer identifizierbar sind, weiß der Leser oft nicht recht, was eigentlich gerade passiert, zum Beispiel bei einer Prügelei oder einem Fast-Unfall. Die Figuren stehen meist steif, hölzern, wie leblos in der durchaus authentisch rekonstruierten Kulisse herum – auch wenn sie sich gerade „bewegen“.

Krisenstimmung: Das Buchcover.
Krisenstimmung: Das Buchcover.Foto: Metrolit

Und wenn auch die grundlegende Erzählstruktur clever angelegt ist und Freddies Geschichte mit den historisch-politischen Großereignissen und Themen intelligent und unterhaltsam verwoben ist, wirken die Dialoge an zu vielen Stellen merkwürdig schleppend und künstlich, zum Teil gar unverständlich.

Der Vergleich mit dem englischsprachigen Erstling zeigt, dass zumindest Letzteres auch an der teilweise holprigen Übersetzung liegt. Hier hätte Metrolit, der Newcomer auf dem deutschen Comic-Markt, sorgfältiger sein müssen. Auch die editorische Erläuterung mancher Begriffe, Organisationen und zeitgenössischer politischer Akteure hätte geholfen, die Lesbarkeit eines Bandes zu erhöhen, dessen Lektüre gleichwohl lohnt.

James Vance/Dan E. Burr, Auf dem Drahtseil, Walde + Graf bei Metrolit, 250 Seiten, 24,99 Euro

 Unser Autor Dr. Thomas Greven ist Senior Research Fellow am Institut für Internationale Politik, Berlin, und Privatdozent am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin. Mehr Texte von ihm zu politischen und sozialen Themen im Comic finden sich unter diesem Link. 

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