Ausstellung : Albträume durch Käsetoast

Die Schau „Jahrhundert der Comics – Die Zeitungs-Strip-Jahre“ zeigt frühe amerikanische Cartoon Strips - und bietet auch gut informierten Besuchern einige Überraschungen.

Daniel Wüllner
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Hund, Katze, Maus. Detail der Sonntags-Serie "Krazy Kat" von George Herriman (1880 - 1944).

Die Ankunft im Ravensberger Park, der früher eine Weberei beherbergte, bietet dem Besucher der Ausstellung im Bielefelder Museum Huelsmann ein Gefühl von Erhabenheit. Der Park lädt zum ausschweifenden Flanieren ein, bis man im hinteren Teil des Parks die „Weiße Villa“ erreicht. Neben dem Haupthaus, der „Direktorenvilla“, präsentiert die italienische Turmvilla seit 2005 Exponate des Kunsthandwerks. Durch großformatige und teils farbige Originaldrucke und -zeichnungen zeigt hier die Ausstellung „Jahrhundert der Comics – Die Zeitungs-Strip-Jahre“ das volle, künstlerische Potential des als Handwerk aber auch als Kunst zu bezeichnenden Mediums „Comic“. Nahezu alle Exponate stammen aus dem Privatbesitz des Kurators der Ausstellung, Alexander Braun. Die Ausstellung ist chronologisch gegliedert und führt vorbei an den Pionierjahren über die Familien- und Abenteuerstrips zu aktuelleren Inkarnationen dieses Mediums.

Deutscher Dialekt, derber Humor

Zu Beginn der Ausstellung vermisst man allerdings einen alten Bekannten, den man hier erwartet hätte: Oftmals wegen seiner graphischen Konzeption und seiner Text-Bild-Montage als einer der ersten Comics bezeichnet, findet sich in der Sammlung leider kein "The Yellow Kid" von Richard F. Outcault, der gemeinhin als erster Comicstrip der Geschichte gesehen wird.

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Amerikanische Werte, Kampf gegen Tristesse. Detail einer Sonntagsseite von "Prince Valiant" (Prinz Eisenherz) von Hal Foster (1892...

Dafür kann die Privatsammlung mit anderen Vertretern dieser Epoche aufwarten: Originale von Rudolf Dirks "Katzenjammer Kids" und auch die Abenteuer der "Kin-der-Kids" des späteren Bauhaus-Professors Lyonel Feiningers weisen auf deutsche Wurzeln und Verbindungen zu Wilhelm Buschs Max und Moritz hin. Vor allem durch den deutschen Dialekt und den zum Teil recht derben Humor erfreute sich der Zeitungsstrip bei der New Yorker Arbeiterklasse einer großen Popularität.

Zu dieser Zeit ließen die beiden großen Zeitungsmogule Randolph Hearst und Joseph Pulitzer ihren Künstlern freien Lauf, was vor allem die wunderbar surrealen Wirrungen eines Winsor McCay ("Little Nemo in Slumberland") beweisen. Während dieser Großvater des Trickfilms ("Gertie the Dinosaur") seine Figuren immer wieder durch albtraumhafte Welten, hervorgerufen durch warmen Käsetoast ("Rarebit Fiend"), stolpern lässt, beschränkt sich das Personal von George Herrimans "Krazy Kat" zunächst auf drei Figuren: Hund, Katze und Maus. Vor einem farbenfrohen Bühne des kargen Wüstenlandschaft spielen sich immer wieder die gleichen Dramen ab: Katze liebt Maus, Maus bewirft Katze mit Ziegelstein, Hund liebt Katze und sperrt Maus ein. Vermischt mit einer Prise kreolischer Sprachvielfalt inszeniert Herriman Woche für Woche ein absurdes Theater, das einem Samuel Beckett zuvorkommt.

Seltene Exemplare verschollener Strips

Obwohl das Museum aus Kostengründe auf die Leihe von eigentlich unabdingbaren Strips, wie z.B. Charles M. Schulz Peanuts, verzichten muss, ergänzt Braun die Ausstellung durch Exponate, die selbst den eingefleischten Comic-Historiker verblüffen werden. Mit Charles Forbells Serie "Naughty Pete" schließt der Kurator die Leerstelle zwischen surrealen Traumsequenzen und Familienstrips. In großflächigen, einfarbigen Bildern präsentiert Forbell die Streiche seines jungen Protagonisten Pete. Da entsprechende Originale bereits als verschollen gelten, sind selbst die hier dargestellten Seiten eine Seltenheit.

Während die frühen Zeitungs-Strips künstlerische Freiheit genossen, markieren die Familienstrips wie "Bringing up Father" von George McManus oder auch Blondie von Chic Young ab den 1920ern eine Phase des Übergangs. Das Medium stellte sich in Dienst der Gesellschaft. In Zeiten der Wirtschaftskrise und der Weltkriege stützen die Familien- und Abenteuer-Strips amerikanische Werte und bekämpfen die Tristesse der Zuhausegebliebenen. Während amerikanische Truppen in Europa Krieg führten, konnten sich die Leser der Tageszeitungen zusammen mit Harold Fosters "Prince Valiant" (Prinz Eisenherz) und Alex Raymonds "Flash Gordon" in fantastische Welten entführen lassen. Doch auch zu Zeiten der Krise zeigt der Comic immer wieder seine Wandelbarkeit. Die Darstellung von fremden Planeten und des Hofes von Prince Valiant war nur möglich durch einen extrem realistischen Zeichenstil, der oftmals die ganze Zeitungsseite einnahm.

Nikita Chruschtschow als Piratenschwein

In dem letzen Raum der Ausstellung scheint trotz einiger interessanter Exponate die geschlossene Chronologie auf Abwege zu geraten. So springt Braun mit dem Besucher zunächst zu einem der wohl interessanten Titel der ganzen Ausstellung: "Pogo" von Walt Kelly. Kelly zeichnete im Stile eines Walt Disney ein detailgetreues Abbild der amerikanischen Gesellschaft der 50er und 60er Jahre; so treten im Okefenokee-Sumpf neben anthropomorphe Staren, die amerikanische Kommunisten symbolisieren sollen, mit Nikita Chruschtschow als Piraten-Schwein auch reale Personen auf.

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Zeit des Umbruchs. Familienstrips wie "Bringing up Father" von George McManus (hier ein Detail einer Sonntagsseite von 1943)...

Nach diesem Ausflug in den politikkritischen Strip bricht Braun mit der einheitlichen Struktur: Neben einem einzelnen Original von Dik Brownes "Hägar der Schreckliche" wirken die Arbeiten von Tomas Bunk (Mitarbeiter von Art Spiegelmans Comic-Magazin RAW) zusammenhanglos in den Raum geworfen. Nur Tony Millionares abschließender Strip "Maakies" schafft es noch auf künstlerischer Ebene den Bogen zu den Pionierjahren der Zeitungs-Strips zu schließen.

Ergänzend zu der Ausstellung sei der über 200 Seiten starke Katalog wärmstens ans Herz gelegt in den der Großteil der Förderung geflossen ist. Ziel des mit über 300 Abbildungen relativ aufwendig gestalteten Katalogs, der laut Museumsleiterin Hildegard Wiewelhove nicht als bloße Reproduktion der Exponate, sondern eher als „historisches Handbuch“ verstanden werden soll, ist die Einordnung des Zeitungs-Strips in die jeweilige geschichtliche Epoche Amerikas.

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Gesellschaftsbild der 50er Jahre. Detail einer "Pogo"-Sonntagsseite von Walt Kelly (1913 - 1973) aus dem Jahr 1969.

So finden sich neben den Abbildungen der Comics sowohl erklärender Text als auch andere Zeitdokumente, wie Jacob Riis beeindruckende Foto-Dokumentation "How The Other Half Lives" über New Yorker Wohnverhältnisse zur Jahrhundertwende. Neben dem Katalog stehen in den kommenden Monaten noch ergänzenden Workshops mit den Comic-Künstlern Stefan Mayr und Klaus Scherwinski im Museum an, die dem Publikum die Welt der Comics praktisch näherbringen sollen. Nach dieser Ausstellung ist übrigens bereits eine Fortsetzung der Reihe mit Alexander Braun als Kurator in Planung. Schwerpunkt der Ausstellung in zwei Jahren wird dann das amerikanische Comic-Heft sein. 

Diese Ausstellung lädt ein zu einer neuen Auseinandersetzung mit dem Zeitungs-Strip, einem Medium, das nur allzu oft als reine Unterhaltung betrachtet wurde. Obwohl die politische Ereignisse und die gesellschaftlichen Besonderheiten in Amerika zwischen 1900-1950 einiger Erläuterung bedürfen (hier schließt der Katalog die Lücken), um das volle Potential der Comics zu erkennen, bietet sich die Ausstellung dennoch sowohl für Neulinge als auch für Kenner der Materie an. Das Museum Huelsmann schafft dabei nicht nur genau das richtige Ambiente für eine solche Ausstellung, sondern zeigt gleichzeitig, dass auch ein (Kunst-) Handwerk wie der Zeitungs-Strips einen goldenen Boden haben kann. 
 

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