Ausstellung : Grenzüberschreiter

Perlen der Comic-Kunst: Eine Berliner Ausstellung zeigt selten zu sehende Originale der deutsch-französischen Avantgarde

Lars von Törne
283452_0_ff06ab2f.jpg
Mysteriöse Erscheinung. Eines der Bilder Stefano Riccis.Illustration: Stefano Ricci

Der Witz steckt im Detail. Auf den ersten Blick sehen Pierre La Polices Zeichnungen aus wie gewöhnliche Panels aus einem schlichten Comicstrip. Auf den zweiten Blick entdeckt man in den durch kräftige Schwarzflächen an Film-Noir-Szenen erinnernden Bildern des Pariser Künstlers obskure, freche Details, die stutzen lassen: Auf einem Gruppenbild zum Beispiel trägt eine der Figuren auf dem Hals statt des Kopfes einen Penis.

Die Bilder des französischen Malers und Zeichners sind Teil einer aktuellen - auf zwei Standorte aufgeteilten - Ausstellung, die die Crème der europäischen Comic- und Illustrationskunst in Berlin gemeinsam präsentiert. Der Galerist Dirk Streitenfeld hat sie in Zusammenarbeit mit dem Institut Français und der Französischen Botschaft zusammengestellt und konnte sich dabei aus dem reichhaltigen Oeuvre der von ihm vertretenen Künstler bedienen, deren Arbeit er normalerweise in seiner Galerie in Oberursel ausstellt.

283451_0_82098c9d.jpg
Comic Noir. Pierre La Polices Bilder sind von einem obskuren Humor geprägt.Illustration: Pierre La Police

Acht Künstler wurden ausgewählt, vier deutsche und vier französische – passend zum offiziellen Anlass der Schau, einem deutsch-französischen Verlegertreffen. So sind zusammengekommen die Werke von Anke Feuchtenberger, Blexbolex, Henning Wagenbreth, Atak, Frédérique Bertrand, Michel Galvin, Stefano Ricci und Pierre La Police.

Für das Berliner Publikum ist es ein Glücksfall, dass der Galerist den angestammten Ort vorübergehend verlassen hat und der Stadt eine Ausstellung beschert hat, wie man sie in dieser hohen Qualität und kongenialen Zusammenstellung selten sieht.

So teilen sich die surrealistischen, zugleich fröhlich und beklemmend wirkenden Arbeiten von Michel Galvin zum Beispiel im Institut Français - wo der Hauptteil der Schau zu sehen ist - einen Raum mit den aberwitzigen, zwischen Kinderbuchillustrationen und skurrilem Horror changierenden Zeichnungen und Gemälden von Frédérique Bertrand – und beim Betrachter laufen beim Hin- und Herschauen und beim Herstellen von Beziehungen zwischen einzelnen Bildern die verrücktesten Filme im Kopf ab.

283925_0_42ddc1e8.jpg
Fernweh. Eines von Anke Feuchtenbergers morbid-verspielten Bildern.Illustration: Feuchtenberger

Eine andere gelungene Paarung sind die Bilder von Anke Feuchtenberger, Berlinerin im Hamburger Exil, und von Stefano Ricci, ihrem aus Italien stammenden Partner. Die Arbeiten der beiden sind geprägt von einem tiefen Sinn für die „komplexe Poesie des Comics“, wie der Comic-Experte (und Autor der Tagesspiegel-Comicseiten) Jens Meinrenken im Vorwort zu dem gelungenen Katalog zur Ausstellung schreibt. Hier hängen die Werke der beiden nicht weit voneinander und laden ebenfalls zum Dialog ein: Riccis alptraumhafte, düstere Szenen von Tieren in Menschengestalt, die er für einen Trickfilm gezeichnet, mit dicken Farbschichten übermalt und stellenweise fast modelliert hat, korrespondieren wunderbar mit Feuchtenbergers dunklen, morbid-verspielten Bilderstrecken, auf denen sie fantastische Bildideen mit fein gebrochenen Anspielungen auf den bodenständigen Berliner Humor verbindet.

Weitere Schmuckstücke sind die nostalgisch-ironischen Wimmelbilder des Berliner Künstlers Atak, in denen er Zitate aus der Comic-Geschichte auseinander nimmt und zu einem verrückten Sammelsurium neu zusammenstellt. Die Bilder des in Berlin lebenden Franzosen Blexbolex nutzen spielerisch die Stilformen der Ligne Claire und illustrativer Kunstformen, „um wie in einem Zauberwald die Grenzen zwischen Comic, Kunst und Illustration endgültig aufzuheben“, wie Jens Meinrenken schreibt.

283774_0_5d6bf2e8.jpg

Und UdK-Professor Henning Wagenbreth wagt sich mit Messerschnitten auch technisch in neue, von der Comic-Kunst bislang kaum genutzte Gebiete vor.

Die Ausstellung im Berliner Institut Français Berlin (Kurfürstendamm 211) läuft noch bis 15. August. Sie ist geöffnet montags bis freitags 10 bis 18 Uhr, sonnabends 11 bis 15 Uhr, Eintritt frei. 
Neben dieser Hauptausstellung gibt es auch eine Auswahl von acht großformatigen Werken der Künstler in der Französischen Botschaft unweit des Brandenburger Tors zu sehen (Am Pariser Platz 5, Eingang um die Ecke in der Wilhelmstraße). Nach voriger Anmeldung am Empfang des Institut Français können Besucher Dienstag und Donnerstag von 15 bis 18 Uhr einen Blick auf die Bilder werfen. Dafür ist ein Ausweis erforderlich.
Der Katalog zur Ausstellung kostet 15 Euro (zu bestellen bei der Galerie Streitenfeld unter
diesem Link).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben