Ausstellung : Ich + Ich

In einem Sammelband erkundet ein Dutzend Zeichnerinnen das Thema Alter Ego und verwischt spielerisch die Grenzen zwischen Kunst und Comic.

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Jägerin? Heilige? Szene aus der wortlosen Bildgeschichte von Paz Boira.

Vielleicht sieht so die Zukunft des anspruchsvollen Comics aus: Bildgeschichten mit Witz und Niveau, die auf schnelle Effekte verzichten; grafische Kunst zum Nachdenken; experimentelle Illustrationen, die sich zum Teil erst auf den zweiten Blick erschließen.

Der fünfte Sammelband der Reihe „Spring“ ist eine Leistungsschau der Comic-Szene, die manch Überraschung zu bieten hat. Auch, weil die darin versammelten Wort-Bild-Kunstwerke nicht wie wohl 90 Prozent aller Comics von Männern für Männer geschaffen wurden, sondern weil sie von Frauen stammen, die in der Szene bis heute schmerzlich unterrepräsentiert sind.

Wie überfällig eine Öffnung ist, das zeigen die an „Spring“ beteiligten Künstlerinnen aus Hamburg und Berlin mehr als deutlich.

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Schonungslos. Ulli Lust erkundet in "Someone Else, Someone Good" menschliche Schwächen, auch die eigenen.

Es gibt kunstvoll Verspieltes wie die Anagramme der Buchstabenjongleurin Nina Pagalies, irritierende Gegenüberstellungen von Mensch und Tier in einer wortlosen Geschichte von Paz Boira, an deren Ende die Perspektiven verrutschen oder ein meisterhaft in Bleistift gezeichnetes Bergsteiger-Drama, in dem Barbara Yelin auf wenigen Seiten einen Kampf auf Leben und Tod entfaltet, der als Metapher für Verlockungen und Gefahren des Unbekannten steht.

Claire Lenkova – laut Biographie an einer Bushaltestelle zur Welt gekommen - spielt in skizzenartigen Bleistift-Episoden mit Zufallsbegegnungen an einer Bushaltestelle, die sich zu teils absurden Charakter-Erkundungen auswachsen. Und Ulli Lust, manchen Comic-Lesern bekannt durch ihre kürzlich im Buch „Fashionvictims/Trendverächter“ zusammengefassten Berliner Szene-Beobachtungen sowie ihre empfehlenswerte Website electrocomics, erweist sich mit einer offensichtlich autobiographisch inspirierten Beziehungsgeschichte ein weiteres Mal als schonungslose Beobachterin menschlicher Schwächen, der eigenen eingeschlossen.

Das Buch Spring #5 „Alter Ego“ (176 Seiten, 12 Euro) sowie weitere Informationen zu allen beteiligten Zeichnerinnen gibt es unter www.spring-art.info.
lvt

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