Autobiografischer Reisebericht : Lebe lieber ungewöhnlich

Guy Delisle verbrachte ein Jahr im von einer Militärjunta beherrschten Birma. Seine Erlebnisse in dem südostasiatischen Land sind liebevolle, manchmal verstörende Alltagsgeschichten aus einer fremden Kultur

Thomas Greven
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Zwiespältiger Alltag. Guy Delisles Buch beschreibt die Normalität in einer fast unwirklichen Wirklichkeit.Illustration: Delisle/Reprodukt

Ganz früher gab es die Abenteuer des Reporters Tim, von Asterix, dem Gallier, von Prinz Eisenherz – alles strahlende Helden ohne Fehl und Tadel. Dann kamen die Abenteuer komplexerer Charaktere wie Blueberry und Corto Maltese, manchmal arg vereinfachend „Anti-Helden“ genannt. Eine Weile lang gab es dann fast gar keine Abenteuercomics mehr.

Mit Harvey Pekar, Chester Brown, Joe Matt und vielen anderen entdeckten Comic-Schaffende und Leser die Komplexität des „normalen“ Alltags und des eigenen Lebens. Das war gut so … aber vermisst habe ich sie schon, die Abenteuer. Nur realistischer sollten sie sein, irgendwie erwachsener.

An diesem Punkt kommt Guy Delisle ins Spiel, der unscheinbare Franko-Kanadier, der mit den jetzt bei Reprodukt erschienenen „Aufzeichnungen aus Birma“ schon den dritten autobiographischen Bericht aus dem Leben eines Expat vorlegt. Im chinesischen Shenzhen und in Pyöngyang leitete Delisle die Arbeit von Niedriglohn-Trickfilmzeichnern an und erkundete gleichzeitig die fremden, im Falle von Nordkorea fast hermetisch abgeschlossenen Kulturen (beide Bände ebenfalls bei Reprodukt).

Verstörende Realität einer fremden Kultur

Nun ist Delisle als „mit ausreisender Partner“ (Sprachgebrauch des Deutschen Entwicklungsdienstes) in Rangun gelandet, Hauptstadt von Birma oder Myanmar, je nachdem, wie man zum dortigen Militärregime steht. Delisles Frau arbeitet bei der französischen Sektion der Nichtregierungsorganisation Ärzte ohne Grenzen, und ihr Arbeitsalltag strukturiert auch den ihres Mannes.

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Kinderspiel. Während seine Frau für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, kümmert sich Guy Delisle um den gemeinsamen Sohn.Illustration: Delisle

Er kümmert sich um das gemeinsame Kind Louis (selbst Held von zwei Comics), im billigen Rangun selbstverständlich mit Hilfe von Angestellten. Und er zeichnet – gegenüber den Ehefrauen anderer Expats muss er allerdings immer wieder betonen, dass das wirklich sein Beruf ist!

Delisle berichtet episodisch und meist völlig unaufgeregt: Einkaufen, Kindergeburtstage und andere Feste, exotisches Essen, die Hitze, die Regenzeit, Stromausfälle … aber immer wieder sind seine Alltagsgeschichten aufgebrochen durch die verstörende Realität einer fremden Kultur, eines repressiven Regimes, einer ungerechten Welt.

Liebevolle Zeichnungen, unangestrengte Texte

Einmal findet er zufällig heraus, dass er ganz in der Nähe des Hauses wohnt, wo die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi unter Hausarrest lebt. Er stellt sich vor, wie er mit Louis im Kinderwagen jeden Morgen aufs Neue versucht, zu „der Dame“ – wie sie in Birma genannt wird – zu gelangen, wie sich dem Versuch immer mehr Leute anschließen und die Junta am Ende nachgibt. Das letzte Bild auf der Seite zeigt ihn am nächsten Morgen mit Louis in der Badewanne plantschen. Zwiespalt der Normalität in einer fast unwirklichen Wirklichkeit.

Die Zeichnungen wirken, obwohl durchaus liebevoll, etwas skizzenhaft, vor allem aber sind sie ebenso unangestrengt wie die Texte. Die Schönheit von Landschaften und Tempeln ist so kaum zu erkennen, aber darum geht es Delisle auch nicht. Sondern: Was für ein Abenteuer! Welche Möglichkeiten, ein Land und seine Menschen kennenzulernen! Für ihn und nun auch, ein klein wenig jedenfalls, für uns.

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Birma, Berlin 2009, Reprodukt, Aus dem Französischen von Kai Wilksen, Handlettering von Céline Merrien, 272 Seiten, 20 Euro. Leseprobe unter diesem Link.

Unser Autor, der Politikwissenschaftler Thomas Greven, ist Gastprofessor am John F. Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin.

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