Autorencomic : Die Leidenschaft des Jägers

Melancholie in Herbstfarben: Seths fiktive Biographie des Comic-Sammlers "Wimbledon Green", ist eine Fundgrube kleiner Kostbarkeiten

Jens Meinrenken
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Großer Auftritt. Wimbledon Green in all seiner Pracht.Illustration: Seth/Edition 52

"Denn alles Fleisch, es ist wie Gras", tönt es mit äußerster Bestimmtheit in Brahms' berühmten Requiem. Der Schmerz über das Vergängliche allen Daseins, der sich in der Musik und den biblischen Worten ausdrückt, ist einer seltsamen menschlichen Spezies wohlbekannt, nämlich die der Sammler. Mit einer nie enden wollenden Leidenschaft versuchen sie, die kuriosesten Dinge der Vergessenheit und dem Zerfall zu entreißen, und wissen doch um ihr tägliches Scheitern.

Für viele Sammler ist der Gedanke an die Unvollkommenheit ihrer Sammlung schmerzvoller als die Freude an den bereits angehäuften Objekten. Das wichtigste Stück einer Sammlung ist das, welches noch fehlt. Wie ein wildes Tier wird es gejagt, um schließlich als kostbare Trophäe an der Wand zu enden.

Der kanadische Comiczeichner Seth hat dieser Leidenschaft des Sammelns ein liebevolles Porträt gewidmet. Sein Comic "Wimbledon Green. Der größte Comicsammler in der Welt" ist vor kurzem bei der Edition 52 auf Deutsch erschienen. Eine lose Skizze von Episoden, deren einzelne Seiten sich wie Puzzleteile erst Stück für Stück zu einer größeren Erzählung zusammenfügen. Und doch ergibt sich am Ende kein vollständiges Bild. Es bleiben zahlreiche Fragen offen.

Seine Rivalen heißen Daddy Doats und Chip Corners

Der Leser muss sich selbst in die Rolle eines Sammlers versetzen, um die Leerstellen der Handlung durch die eigene Vorstellungskraft zu füllen.

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Morbider Charme. Ein Totenschädel spricht in typischer Talking-Heads-Manier zum Leser.Illustration: Seth

Dabei gibt es kaum ein Comic, in dem soviel schwadroniert, geplaudert, lauthals nachgedacht und gemutmaßt wird, nur um der wahren Identität Wimbledon Greens auf die Spur zu kommen.

Seth bedient sich hier einer Erzähltechnik, die man eigentlich aus dem Dokumentarfilm kennt. Zahlreiche Talking Heads aus der Comic- und Sammlerszene werden vor die Kamera gezerrt, um ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit Wimbledon Green dem Leser hautnah zu berichten. Die Vielzahl kleiner Panels auf der Seite arbeitet diesem Effekt der Fokussierung entgegen.

Obwohl es sich bei "Wimbledon Green" um eine fiktive Geschichte handelt, entsteht dadurch der Eindruck von Authentizität und Augenzeugenschaft, die dem Charakter einer Live-Reportage nahekommt. Dem entgegen stehen die kuriosen Namen aller beteiligten Figuren, die diesen Comic bevölkern. Dabei dürfen die für das Medium typischen Alliterationen nicht fehlen, auch wenn es sich statt Wonder Woman oder Peppermint Petty nur um Daddy Doats und Chip Corners handelt, zwei Rivalen von Wimbledon Green im Wettkampf um den Titel des weltgrößten Comic-Sammlers.

Ein menschliches Kuriositätenkabinett

Zu den kleinen Kostbarkeiten dieses Comics gehört die Art und Weise, wie Seth seine Charaktere zeichnet. In der Tradition der Karikaturen Daumiers und Hogarths entwirft er eine physiognomische Typologie von Sammlern und Comic-Händlern, die allesamt durch ihr eigenwilliges Aussehen ins Auge stechen.

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Gesamtkunstwerk. Seth in seiner Wohnung in Guelph nahe der kanadischen Metropole Toronto.Foto: Lars von Törne

Ein menschliches Kuriositätenkabinett, das nur von einem übertroffen wird: Wimbledon Green. Seine kugelrunde Leibesfülle zeugt von einer geradezu überdimensionalen Gefräßigkeit, die im besten Rabelaischen Sinne eine ganze Welt an geistiger und irdischer Nahrung in sich trägt.

Die scheinbare Leichtigkeit und der Humor der Zeichnung überdeckt diese thematische Schwere und Dramatik. Es sind wenige Details, die den morbiden Charme der Handlung offenbaren. Sei es, wenn der Schädel von "Cuts" Coupon aus dem Grab zu uns spricht – eine wundervolle Demaskierung der Talking Heads Metapher! – oder wenn der junge Wimbledon Green seine Mutter schluchzend in der Küche vorfindet, weil der Kanarienvogel tot auf dem Käfigboden liegt.

Visuelle Klaviatur des Vergänglichen

Getragen werden solche melancholischen Töne durch die Gestaltung in reinen Herbstfarben. Statt des Leuchtens eines saftigen Rasens, wie der Titel "Wimbledon Green" vermuten ließe, bestimmen Olivgrün, Taubengrau und ein metallisches Bronze die farbliche Palette auf den Seiten.

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Inwieweit Seth mit dieser visuellen Klaviatur des Vergänglichen auf die Unterteilung des amerikanischen Comics in Gold-, Silver- und Bronze Age anspielt, möge der Leser selbst herausfinden. Für Sammler sei noch angemerkt, dass die gebundene deutsche Ausgabe im Aussehen und Format dem kanadischen Einband des Verlags "Drawn & Quarterly" folgt. Leider wurde auf das Abrunden der Ecken und der Reliefierung der Figur auf dem Cover verzichtet. Insgesamt ist der Druck auch etwas matter. Diese feinen Unterschiede sollten aber dem allgemeinen Lesevergnügen nicht im Wege stehen.

Seth: Wimbledon Green: Der größte Comics
ammler der Welt. 128 Seiten, Edition 52, 25 Euro, Leseprobe unter diesem Link.

Mehr über Seth erfährt man in
diesem Artikel.

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