„Away from there“ : Sich selbst nicht genug

Christian Frieß wirft mit seiner grafischen Erzählung „Away from there“ die Grundfragen der menschlichen Existenz auf.

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Innen- und Außensicht: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Innen- und Außensicht: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Luftschacht

Wer sind wir? Sind Einsamkeit und ein Gefühl der Fremdheit untrennbar mit der menschlichen Existenz verbunden? Diese Fragen wirft der Wiener Künstler Christian Frieß mit seiner grafischen Erzählung „Away from there“ auf. Der Titel läuft im Verlagsprogramm des kleinen Wiener Luftschacht-Verlags unter dem Schlagwort „Comic“, bewegt sich aber viel eher auf der Grenze zum Illustrationsbuch.

Klassische Comicpanels sucht man hier vergeblich. Frieß reiht äußert reduzierte, ganzseitige Zeichnungen aneinander, die von sattem Schwarz dominiert werden, zugleich aber auch sehr filigran wirken. Schattierungen oder Graustufen findet man nicht. Jeder Illustration stellt er nur wenige Worte in englischer Sprache zur Seite.

Der Leser begleitet über knappe 80 Seiten hinweg eine Person auf der Suche nach sich selbst. Die erste Illustration zeigt lediglich eine Horizontlinie und einen Punkt am Himmel. Darauf folgen Beine, ein menschlicher Schatten und der Satz „This is where I was“. Die Figur bleibt lange alleine, interagiert höchstens mit dem eigenen Schatten und es wird mit jedem Umblättern deutlicher, dass sie sich selbst nicht genügt, um die Frage nach der eigenen Identität zu beantworten. Erst gegen Ende dieser grafischen Erzählung kommen andere Menschen ins Bild und erst die Beziehung zu ihnen aber auch die Abgrenzung von ihnen lässt den Suchenden zur Ruhe kommen.

Grafische Meditation: Das Cover des besprochenen Buches.
Grafische Meditation: Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Luftschacht

Während über den Text konsequent die Gedanken der Hauptfigur gespiegelt werden, springen die Illustrationen zwischen Innen- und Außensicht. So wechseln sich Bilder, in denen man mit der Figur an den eigenen Beinen herunterschaut, und solche, die sie aus einiger Distanz zeigen, einander ab. So wird besonders deutlich, dass die Frage nach der eigenen Identität nur beantworten werden kann, indem wir uns in Bezug zu anderen setzen. „Away from there“ ist eine philosophische Meditation, die den Leser in nachdenklicher und leicht melancholischer Stimmung zurücklässt.

Christian Frieß: Away from there, Luftschacht, 80 Seiten, 16,40 Euro

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