Benjamin Flaos „Kililana Song“ : Im Sturm zwischen Tradition und Moderne

Benjamin Flaos im Osten Afrikas spielende Comic-Erzählung „Kililana Song“ beeindruckt erzählerisch wie grafisch. Jetzt ist der abschließende zweite Band erschienen.

Thomas Greven
Naturgewalten: Eine Seite aus dem zweiten und letzten Band der Reihe.
Naturgewalten: Eine Seite aus dem zweiten und letzten Band der Reihe.Foto: Schreiber & Leser

Mit liebevoll komponierten Aquarellzeichnungen eröffnet uns Benjamin Flao in seiner zweibändigen Erzählung „Kililana Song“ das Universum des Städtchens Lamu an der Ostküste Afrikas. Der französische Autor und Zeichner hat bei Reisen in Eritrea und Kenia viele Geschichten aufgeschnappt und erlebt, die er hier einfließen lässt. Sein Comic erinnert durch seinen Protagonisten, den elfjährigen Naim, angenehm an Mark Twains Abenteuer um Tom Sawyer und vor allem Huckleberry Finn.

Naim ist ein Lebenskünstler mit ganz eigener Sicht auf Gott, der immer wieder seinem frommen Bruder Hassan entwischt, der ihn in die Koranschule zwingen will. Er schlägt sich damit durch, dass er Nacuda, einen viel gereisten Alten, mit Qat versorgt, dem beliebten ostafrikanischen Rauschmittel. Der Kreislauf von Drogenhandel und -konsum, eingebettet in den Konflikt zwischen Tradition und Moderne, ist das große Thema von „Kililana Song“.

Ein Sturm wirbelt alles mystisch durcheinander

Der gerade erschienene zweite und abschließende Band hält erzählerisch und grafisch, was der erste versprochen hat. Allerdings steht der pfiffige Naim nicht mehr so im Zentrum, weil er sich unfreiwillig in einer gestohlenen Nussschale auf hoher See befindet, zusammen mit einem Alten, der die Knochen eines mythischen Riesen vor einer Großbaustelle retten will. Den Gegensatz von Tradition und Moderne bekommt auf ganz andere Weise auch der fromme Hassan zu spüren, als eine selbstbewusste junge Frau Gefallen an ihm findet.

Die Darstellung der Weißen, die im Alltag der Afrikaner eine Rolle spielen, ist wenig schmeichelhaft; Sex und Geschäft stehen im Vordergrund. Im zweiten Band stecken sie in unterschiedlichen Zwickmühlen, ganz so wie der Dealer Jahid, dem sein Boot, Naim und die Drogen abhandengekommen sind – die sind auf hoher See, wo ein Sturm alles mystisch durcheinanderwirbelt.

Komplett: Die Cover der beiden Bände.
Komplett: Die Cover der beiden Bände.Foto: Schreiber & Leser

Immer wieder gibt es ganzseitige Ansichten voller Melancholie, beinahe wie Gemälde – hier und da entdeckt man die Protagonisten klein im Bild. Die vielschichtige und dynamische Abenteuergeschichte um Bauprojekte, Drogenhandel, Terrorismus und Romanzen hat authentische Bezüge und ist anspruchsvoll verschachtelt. Umso bedauerlicher, dass gegenüber der Originalausgabe zwei Seiten vertauscht wurden und die Übersetzung einige Schwächen hat.

Benjamin Flao: Kililana Song, Schreiber & Leser, 2 Bände à 128/136 Seiten, je 24,80 Euro.

Unser Autor Dr. Thomas Greven ist Senior Research Fellow am Institut für Internationale Politik, Berlin, und Privatdozent am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin. Mehr Texte von ihm zu politischen und sozialen Themen im Comic finden sich unter diesem Link. 

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