„Birgit“ von Max Baitinger : Aus dem Trott gerissen

Max Baitinger zerlegt in seinem Comic „Birgit“ alltägliche Routine in geometrische Formen.

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Schematischer Alltag: Ein Panel aus "Birgit".
Schematischer Alltag: Ein Panel aus "Birgit".Foto: Reprodukt

Wie sehr sind wir in unserem Alltag von Routine abhängig? Und was passiert, wenn jemand kommt und uns aus unserem gewohnten Trott herausreißt? Diese Fragen rückt Max Baitinger in seinem bei Reprodukt erschienen Comic „Birgit“ auf äußerst unterhaltsame Weise ins Zentrum. Die Protagonistin, die dem noch nicht einmal 50 Seiten starken Band ihren Namen gibt, wird von der neuen Vorgesetzten jäh aus ihrem gemütlichen Arbeitsalltag gerissen. Doch Birgit lässt sich nur äußerst ungerne aufscheuchen.

Sie fühlt sich der Neuen überlegen, schließlich arbeitet sie bereits seit 25 Jahren in diesem Job und glaubt alle Feinheiten zu kennen. Die Spitznamen der Kollegen, die Eigenheiten der Telefonanlage und die kleinen Tricks beim Wechseln der Tonerkartusche am Drucker. Und das alles ohne Fettflecken im Büro zu hinterlassen, obwohl man gleichzeitig die pünktlich um 12 Uhr gelieferte Pizza verspeist.

Die Chefin verschwimmt zu Kreisen und Flächen

Deshalb will sie auch die Visitenkarte eines Businesscoachs, die die Chefin ihr geradezu aufdrängt, partout nicht annehmen. Dennoch erhält man als Leser den Eindruck, die Erwartungen und Forderungen der neuen Vorgesetzten würden Birgit irgendwie überfordern. Am Ende packt sie alte Postkarten von Kollegen, Kaktus, Firmenchronik und Locher in ihre Tasche und verlässt das Büro. Ob dieser Abschied für immer ist, bleibt offen.

All das erzählt Baitinger in einem stark piktogrammatischen Stil, der geprägt ist vom Spiel mit Farben und Formen. Sobald Birgits Gedanken abschweifen, lösen sich die Gegenstände im Büro und ihre geometrischen Formen in fließende Linien und Flächen auf. Aber auch die neue Chefin selbst verschwimmt immer wieder zu verschieden eingefärbten Kreisen und Flächen – immer dann, wenn Birgit sie und ihre Worte einfach ausblendet.

Alles fließt: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Alles fließt: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Reprodukt

Dieser Stil spielt mit dem Element der Wiederholung von Formen und Farben. So gelingt es Baitinger, gleichzeitig die Routine und stoische Ruhe seiner Protagonistin, aber eben auch die nachhaltige Störung dieses jahrelang eingeübten Trotts vor Augen zu führen.

Ausbruch aus der Routine

Damit greift Baitinger in „Birgit“ ein Thema wieder auf, das bereits in seinem Comic „Röhner“ eine zentrale Rolle gespielt hat. Auch in dieser Erzählung - die im vergangenen Jahr von der Tagesspiegel-Jury zu einem der besten Comics des Jahres gekürt wurde - führt er den Lesern schematische und von Routine geprägte Alltagsvorgänge vor Augen. Und auch dort wird der Protagonist durch das Auftauchen anderer Personen dazu gezwungen, aus der Routine auszubrechen.

Allerdings nimmt sich der Zeichner in „Röhner“ noch gute 200 Seiten, um diesen Konflikt zu entfalten. In „Birgit“ dampft er den Umfang auf ein knappes Viertel ein. Das tut dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch – im Gegenteil. Man schmunzelt auf nahezu jeder Seite, fängt nach der letzten Seite direkt noch einmal von vorne an und fragt sich am Ende, wie sehr man in seinem Alltag eigentlich selbst in Routinen feststeckt, in denen man sich gemütlich eingerichtet hat.

Max Baitinger: Birgit, Reprodukt, 48 Seiten, 12 Euro.

Form und Funktion: Das Buchcover.
Form und Funktion: Das Buchcover.Foto: Reprodukt

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