Blog: Comics in der Presse : Arrestierte Gladiatoren, knutschende Samurais

Leipzig 2009 – Martin Jurgeit vom Fachblatt "Comixene" analysiert die Resümees zur Buchmesse

Martin Jurgeit
265411_0_ff786db4.jpg
Die können ja zeichnen! Nicht alle Berichterstatter über Comics und Mangas auf der Leipziger Buchmesse näherten sich dem Thema auf...Foto: dpa

In der Woche nach einer großen Veranstaltung gilt es in den Blättern immer, ein möglichst knackiges Fazit zu ziehen. Bei der Leipziger Buchmesse knöpften sich die Zeitungen in der Vergangenheit zu diesem Zweck immer mal gerne den recht bunten Sonderbereich "Mangas – Pardon! – Comics in Leipzig" vor. Letztes Jahr gipfelte dies in der FAZ-Headline "Zu jedem Manga den passenden Tanga" – wohlgemerkt stand dies so auch eins zu eins in der Printausgabe und war nicht nur lediglich eine der üblichen Online-Entgleisung!

Dieses Jahr sparten die Frankfurter nicht nur gleich ihren Messestand, sondern auch noch Teile ihres Reisebudgets ein, indem sie den Lokalmatadoren Clemens Meyer zum Berichterstatter in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erkoren. Im März 2008 zog Meyer selbst noch alle Aufmerksamkeit in der Messestadt auf sich, als er den "Preis der Leipziger Buchmesse" zugesprochen bekam. In seinem Messebericht "Aber das ist eine andere Geschichte" vom 15. März unterlässt er es dann auch glücklicherweise, den Journalisten zu spielen und schildert in seiner unnachahmlichen Weise kleine Begebenheiten am Rande, zu denen auch folgende Episode mit einigen Cosplayern gehört: "Ich will mit der S-Bahn endlich nach Hause, die Haltestelle ist ungefähr einen Kilometer entfernt, ich habe zwei große, dicke, als Gladiatoren verkleidete Jugendliche gefragt, ob sie mir aus ihren Hellebarden eine Sänfte bauen und mich tragen, aber sie mussten zu irgendeinem Comic-Treffen in einer der Hallen, zu dem Horden von Verkleideten pilgern, später werde ich sehen, dass da etwas schiefgelaufen ist und sie von der Security auf einem der Innenhöfe interniert werden. Vielleicht besser so, zwölf Stunden Dauerarrest mit den Gesamtausgaben der Manns, Grass und, um die Stimmung der Jugend zu heben, auch von Martin Walser."

Vielleicht verdonnern wir ja Clemens Meyer zum Ausgleich zu zwölf Stunden Dauerlesen der Gesamtserien von "Marmalade Boy", "Peach Girl", und, um seine Stimmung zu heben, auch von "Kleiner Schmetterling". Einen Link zu Meyers Artikel gibt es übrigens nicht, denn der Beitrag gehört zwar als Teil 2 der "Buchmesse-Fragmente" in die offizielle Chronologie seines F.A.Z.-Blogs "Der Meyer"  – zu lesen gab es diese Folge aber ausdrücklich nur in der Zeitung. Das nenn' ich mal einen subversiven Ansatz: Ein Blog-Eintrag, den es exklusiv nur gedruckt gibt!

Einige Pressevertreter haben sich dieses Jahr sogar direkt in den Comic-Bereich hineingetraut. Zu einer solchen Feldforschung brach u. a. Dirk Knipphals von der "tageszeitung" auf. Die Dokumentation seiner abenteuerlichen Erlebnisse ist "Säbelrasseln für den Bestseller" betitelt und fängt so an: "Die Halle 2 auf dem Leipziger Messegelände ist ein Ort, den erwachsene Beobachter üblicherweise meiden (...) Vorne in der Halle wird die Kinder- und Jugendliteratur ausgestellt, weiter hinten liegt ein Bereich, der ganz eignen Gesetzen folgt: der von Comics und Fantasy. Wer ihn ohne den Geleitschutz von jugendlichen Experten betritt, prallt erst einmal ab von so viel Fremdheit." Da gilt es, sich am besten unter der indigenen Hallenpopulation einen ortskundigen Fährtensucher zuzulegen: "Wer die inneren Gesetzmäßigkeiten nicht kennt, könnte das alles für ein großes Durcheinander halten. Wer aber mit Kindern oder Jugendlichen hier durchgeht, der lernt schnell, Strukturen zu erkennen." Da kommt der Autor sogar ins grübeln: "Sich einmal in dieser Halle aufzuhalten, bietet eine ganz andere Perspektive auf diese Messe. Man ertappt sich bei dem Gedanken, dass die ernsthafte Literaturberichterstattung das eigentliche Nischenprogramm darstellt, während hier zwischen Weltraum-Epen und Drachen-Geschichten, zwischen großäugigen Mädchenfiguren und säbelrasselnden Monstern die Post abgeht." Der sich so "ertappende" Redakteur wird doch wohl nicht noch auf die Idee kommen, sich "einmal" der Lektüre dieser Art von Literatur hinzugeben?

Aber ganz so unterschiedlich stellen sich die Verhältnisse in den einzelnen Messehallen vielleicht gar nicht mehr dar. Tobias Lehmkuhl schreibt in der "Süddeutschen Zeitung" vom 16. März in seiner Leipziglitanei "Höllenlärm und Zuckerwatte" neben dem unvermeidlichen Gothic-Lolita-Schlenker, dass man auf der Messe sein eigenes Wort nicht mehr verstehe. "Dieser Höllenlärm überall! Als wollten sie sich mit ihren bombastischen Lautsprecheranlagen gegenseitig übertönen, würden ARTE, 3sat und MDR die Haupthalle in eine einzige Disco verwandeln. Egal, ob die Puhdys an den Mikrofonen säßen oder Gerd Scobel, Franziska van Almsick oder Friedrich Dieckmann: Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr." Man lese und staune – hier geht es nicht um "Comics in Leipzig", sondern um die ganz "normale" Messe. Kann man womöglich bald schon die Mauer mitten in Halle 2 einreißen, die derzeit noch die Normalbesucher vor den Comic-Nerds schützen soll? Oder strömen in Bälde die Belletristik-Anhänger zu den Comics, um dort etwas Ruhe und Entspannung zu finden? Zumindest an Donners- und Freitagen hat die übrige Messe den Comic-Bereich in Sachen Lärmpegel scheinbar rechts überholt.

Ausdrücklich gelobt wird die Atmosphäre in Halle 2 in der "Zeit". Einer der fünf Streifzüge, die in der Wochenzeitung vom 19. März die Buchmesse Revue passieren lassen, führte Susanne Mayer zu den "Kinderbüchern". Dort entdeckte sie Samuraikrieger, die mit ihren Elfen knutschten, "denen Rundohren aus pinkigem Polyesterhaar keimen." Die Welt des Kinder- und Jugendbuches sei objektbezogen: "Was im Buch steckt, kommt in Leipzig wieder heraus, in welcher Gestalt auch immer. Die Übergänge zwischen Hochkultur und Wollust sind fließender als im Erwachsenenbuch, weshalb es in Halle 2 neben Klappbüchern und Mangas eine Lümmelwiese aus Knuddelkissen gibt, Plüschtaschen und Hotdogs sowie ein Kino. Anders als in den Hallen der Erwachsenen, wo sich die verdichtete Masse starren Blicks an den Bücherständen vorbeiquetscht, bevor sie auch nur ein Buch näher betrachtet hätte, liegt hier jeder lesend herum, als hätte man alle Zeit der Welt, was ja nicht ganz falsch ist."

Und wenn man dann ganz, ganz lange sucht im Blätterwald, findet sich ein Bericht der "Leipziger Volkszeitung", der sogar inhaltlich und nicht nur anekdotisch oder atmosphärisch über "Comics in Leipzig" berichtet. Ines Hoffmanns Artikel "Buchmesse prämiert Manga-Talente 2009" stellt eine der diesjährigen Gewinnerinnen des Nachwuchspreises vor: "Sarah Buchholz aus Görlitz gewann den ersten Platz in der Kategorie Einzelbild bis 14 Jahre. Sie sei total aufgeregt gewesen, sagt die jetzt 15-Jährige. Wegen der 'harten Konkurrenz' habe sie höchstens mit einem vierten Platz gerechnet. Sie zeichnet 'seit ich einen Stift in die Hand nehmen kann'". Und Anne Berling von Carlsen wird zitiert: „Es kommt auf die Komposition an, darauf, ob das Bild etwas Eigenes, Besonderes hat und ob ein origineller Strich gezeichnet wurde. Ob die Preisträger zu professionellen Mangaka werden können, hänge davon ab, wie sie arbeiten. Ob sie etwa Deadlines einhalten und auch unter Zeitdruck zeichnen könnten." Zu schade nur, dass der Artikel (mal wieder) mit einem peppigen Cosplayer-Foto dekoriert wurde und wir nichts von Sarahs Zeichenkünsten bewundern können. Aber vielleicht legt sie ja schon nächstes Jahr auf der Leipziger Buchmesse ihren ersten richtigen Manga vor ...

Alle Folgen des Blogs "Comics in der Presse" gibt es hier.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben