BLOG: COMICS IN DER PRESSE : Blutleer und gekünstelt

Martin Jurgeit vom Fachblatt "Comixene" bloggt über die Filmkritiken zu "The Spirit".

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Spieltrieb. Samuel L. Jackson, der den Gegenspieler des Spirit verkörpert, hatte bei den Dreharbeiten viel Spaß, wie er in...Foto: promo

Das dürfte wohl die Höchststrafe sein: Am Donnerstag wurde bekannt, dass Frank Millers "The Spirit"-Verfilmung nicht in der Heimat von Will Eisners Eltern zu sehen sein wird. Basierend auf einer Agenturmeldung der APA teilt etwa "Die Presse" mit: "Comic-Film 'The Spirit' kommt nicht in Österreichs Kinos". Aus dem Umfeld von Sony Pictures Österreich ist dort zu lesen, "dass es keinen wirklichen Grund" dafür gäbe. "Die Mutterfirma in den USA habe den Film mit Eva Mendes und Scarlett Johansson zurückgezogen." Doch in der Meldung wird gemutmaßt, dass "die Notbremse wohl nicht von ungefähr kommt: Die Kritiken und Verkaufszahlen in den USA und Deutschland waren absolut vernichtend, auch Fans des Comics von Will Eisner zeigten sich von der filmischen Umsetzung entsetzt."

Die Kritiken haben zu dieser Entscheidung also zumindest beigetragen. Schauen wir also, was da Schlimmes über "The Spirit" eingebrochen ist, obwohl der Streifen im Vorfeld doch so hohe Erwartungen geweckt hatte. Genau dies könnte aber auch eines der Probleme sein, wie wir etwa in der "Frankfurter Rundschau" bei Michael Kohler in seiner Besprechung "Holzschnitt" sehen. Kohler fragt sich, "warum uns die kunstvolle Comic-Verfilmung 'Sin City' bestens unterhalten hat, die Adaption des Comic-Klassikers 'The Spirit' dagegen bloß gekünstelt scheint. Auf den ersten Blick sehen sich beide Filme ziemlich ähnlich: Die Leinwand ist in ihnen die Verlängerung eines stilisierten Comic-Strips, wobei sich nicht nur die Kamera am liebsten holzschnittartiger Kontraste bedient, sondern auch die von Film-Noir-Pathos angetriebene Geschichte." Seine Antwort: "Im ersten Fall war der gefeierte Comic-Autor Frank Miller Juniorpartner von Robert Rodriguez, nun durfte er sich ganz allein als Auteur in Hollywood versuchen." Und leider sei "dem Film schon nach den ersten Bildern anzusehen, dass Miller kein begnadeter Erzähler ist. Er mag Figuren mit wenigen Strichen aufs Papier werfen, Schauspieler führen kann er nicht."

In der "Welt" wird zu "Frank Millers Comicverfilmung 'The Spirit'" von Holger Kreitling festgestellt, dass "Miller bei der Umsetzung von 'The Spirit' die Geschichte um den geheimnisvollen Rächer von Central City in einigen Punkten ändert und außerdem moderne Elemente integriert." Anerkannt wird, dass "der Film rein optisch stark an 'Sin City' erinnert, was teilweise zu spektakulären Einstellungen wie etwa Schattenrisse mit Farbtupfern führt." Um aber abschließend zu urteilen: "Insgesamt enttäuscht das Ergebnis ganz gewaltig, denn mit der bis zur Lächerlichkeit überzogenen Figur des Octopus kann man sich einfach nicht anfreunden. 'The Spirit' scheitert an seinem Humor, der schlichtweg niveaulos ist und einen Großteil der Handlung überschattet."

Dietmar Kammerer von der "tageszeitung" geht in seinem Beitrag "Blutleer wie die Titelfigur" vor allem das ewige Vermöbeln der Protagonisten untereinander auf die Nerven, für das auch schon mal eine Kloschüssel herhalten muss. Für ihn läuft das Ganze auf die unschöne Formel hinaus: "Hardboiled detective novel meets Tom and Jerry". Miller stülpe Eisner seinen Stil einfach über, "übrig bleibt wenig mehr als die Hülle des Originals. So ist 'The Spirit' blutleer wie seine Titelfigur, der von Kugeln durchsiebt wird, ohne auszulaufen."

Ganz ähnlich sah das auch Sebastian Handke in der "Tagesspiegel"-Besprechung "Scharf geschossen". Einige Szenen hätten sogar das Zeug zum "Klassiker des Sonderbaren". Er denkt hier etwa an "die schier endlose Prügelei im schwarzen Schlamm, in deren Verlauf die Erzfeinde Spirit und Octopus sich immer größere Gegenstände über den Schädel ziehen und zwischen die Beine wuchten ('Komm schon, Toiletten sind immer lustig!'). Oder Jacksons Großauftritt in Nazi-Uniform, als er vor rotem Vorhang, umgarnt von einer Bauchtänzerin, zu den leiernden Klängen des Deutschlandlieds seine schlechten Absichten zum Vortrag bringt, bevor er ein weißes Kätzchen in Säure auflöst." Fehle nur noch eine Showtreppe und die "operettenhafte Grandezza dieser Filmtravestie" wäre vollkommen.

Jens Balzer von der "Berliner Zeitung" kanzelte "The Spirit" schlicht als "Psychosex-Irrsinn" ab. Im Beitrag "Kommt ein Nazi zum Zahnarzt" kann er zunächst aber Positives vermelden: "Wer zum Beispiel blonde Domina-Frauen in lacklederner Nazi-Fetisch-Uniformkleidung mag und außerdem auf Scarlett Johansson steht, kommt in Frank Millers erster allein ausgeführter Regie-Arbeit 'The Spirit' voll auf seine Kosten." Leider gehörte Balzer selbst aber nicht zu dieser – möglicherweise gar nicht so kleinen – Zuschauergruppe. Und viel schlimmer: "Zwei andere Dinge, die der unvoreingenommene Besucher von diesem Film eventuell erwarten könnte, finden sich allerdings nicht: Es gibt weder eine verständliche Geschichte noch einen nachvollziehbaren Zusammenhang mit der Comic-Vorlage."

Aber es fanden sich durchaus auch andere, wesentlich positivere Ansichten zu Millers Film (auch wenn diese klar in der Minderheit waren). Tobias Kniebe glaubte etwa am 5. Februar in der "Süddeutschen Zeitung" unter der bezeichnenden Headline "Elefant im Spielzeugladen" in "The Spirit" die geradezu "kindliche Lust am Filmemachen" des Regisseurs zu entdecken. Dafür stünden etwa die vielen "dramaturgisch sinnlosen Auftritte von abenteuerlich schönen Frauen – einfach nur, damit viele abenteuerlich schöne Frauen vorkommen." Frank Miller, meint Kniebe, müsse man sich "wie einen begabten kleinen Jungen mit zu viel Phantasie vorstellen, der sich früher nur mit Tusche und Papier im Hinterzimmer vergnügen durfte, jetzt aber plötzlich eine ganze Fabrikhalle voller Spielzeug zur Verfügung hat." Und überhaupt hätte Miller für seine ambitionierten Regiekollegen, die die Welt erklären und dabei noch tödlich ernstgenommen werden wollten, "sowieso nur ein meckerndes Lachen übrig".

Sogar noch weiter geht niemand Geringeres als Jörg Buttgereit in "epd Film" 2/2009 und dem Berliner "tip", wenn er ausführt, dass der Film nicht eigenständig funktioniert, sondern nur bei einem Publikum ankommt, das mit der Bildsprache der Comic-Vorlage vertraut ist und sie schätzt. Er gibt dem Film die Bewertung "sehenswert" und stellt in der Besprechung "Comicadaption 'The Spirit' im Kino" fest: "Frank Miller hat mit 'The Spirit' eine von seinem kompromisslosen Stilwillen geprägte Huldigung an die Wurzeln der amerikanischen Comickultur geschaffen." Doch immerhin endet er dann mit einer gewissen Skepsis: "Ob die allerdings dem 2005 verstorbenen 'Spirit'-Schöpfer Will Eisner gefallen hätte, ist fraglich." Diesem Urteil konnten sich wohl die meisten Besucher des Films anschließen – mich eingeschlossen!

Weitere tagesaktuelle Beispiele der Comic-Berichterstattung finden Sie wie gewohnt im Online-Portal Comicforum. Dort unterhält auch das Internetmagazin Comicgate ein eigenes Forum, in dem es bereits seit Jahren das Thema "Comics in der Presse" gibt. Direkt zu erreichen ist es unter: www.comicforum.de/comicsinderpresse, wo jeder auch seine eigenen Fundstücke posten und verlinken kann.

Jurgeit

Der Journalist und Publizist Martin Jurgeit ist Chefredakteuer des Comic-Fachmagazins COMIXENE. Die aktuelle Ausgabe 104 ist überall in Comic-Läden und dem Bahnhofsbuchhandel erhältlich. Darin geht es unter anderem um das 50-jährige Jubiläum der Schlümpfe, franko-belgische Comic-Klassiker, Art Spiegelmans Meisterwerk "Breakdowns" und den Zeitungs-Comic "Im Museum".





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