BLOG: COMICS IN DER PRESSE : Comic-Schweine im Louvre-Tiefgeschoss

Martin Jurgeit vom Fachblatt "Comixene" über eine umstrittene Ausstellung in Frankreichs berühmtestem Museum.

Martin Jurgeit
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Alte Meister. Nicolas de Crécys Variation einer berühmten Louvre-Bewohnerin.

Auch die "Comic-News von tagesspiegel.de" brachten unter der Überschrift "Louvre zeigt erstmals Comic-Ausstellung" einen kurzen Bericht zu einem Thema, von dem ich schon ahnte, dass es wie geschaffen war für die "breitere" Berichterstattung in den diversen Presseorganen.

Dass dies so ist, hängt allerdings nur rudimentär mit den gezeigten Exponaten oder den beteiligten Künstlern zusammen, auch wenn hierzu so anerkannte Kapazitäten der 9. Kunst wie Nicolas de Crécy oder Marc-Antoine Mathieu zählen mögen. Nein, einzig und allein auf den entsprechenden Ausstellungsort kommt es an! Das zeigte sich auch schon letztes Jahr, als die Nationalbibliothek in Frankfurt am Main die Ausstellung "Comics made in Germany" zeigte, die allen Zeitungen riesige Beiträge wert war, wiewohl dort größtenteils nur ältere Comic-Heftchen in Vitrinen gepackt wurden, damit man sie wie Fossilien betrachten konnte. Aber so seltsam dieses "Ausstellungskonzept" auch gewesen sein mag – die eigentliche Story war halt die Nationalbibliothek selbst, die jetzt die Schmuddelheftchen adelte (und ihre gebauchpinselten Leser natürlich gleich mit).

Nicht viel anders sieht es jetzt auch bei der Louve-Ausstellung aus. Beim ORF-Internetauftritt finden wir den entlarvenden Agentur-Beitrag "Comics im Louvre" der österreichischen APA.

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Unvollendet. Bernar Yslaire und Jean-Claude Carrière erzählen die Geschichte hinter dem Porträt von Louise Trudaine.

Dort wird gleich zu Beginn ziemlich plakativ gefragt: "Schweine mit Sprechblasen neben der Mona Lisa? Blauhaarige Manga-Helden neben der Venus von Milo?", wobei diese direkte Gegenüberstellung vielleicht sogar ganz reizvoll wäre (aber zur Platzierung der Ausstellung im Museumsgebäude kommen wir noch etwas später). Zuvor teilt uns noch Bernard Yslaire per APA mit, wie er die Pariser Schau sieht: "Für jeden Künstler ist eine Ausstellung im Louvre eine Weihung". O.k., das sitzt ...

Auch "Der Spiegel" fährt in der Ausgabe vom 19. Januar in seinem Beitrag "Cartoons (sic!) im Louvre" ganz schwere Geschütze auf, wenn er bedeutungsschwanger ausführt: "Was erscheint wie kunsthistorische Häresie, wird von dieser Woche an in Frankreichs berühmtesten Museum zu bestaunen sein". Doch so ganz klar war sich der (unbekannte) Autor der Meldung auf der Szene-Seite wohl nicht einmal über den Gegenstand seiner Berichterstattung – mal spricht er von Cartoons, dann geht es um Bildergeschichten oder sogar eine grafisch-literarische Gattung. Nur der "Comic" kommt allenfalls am Rande zur Sprache. Aber immerhin teilt "Der Spiegel" auch in die andere Richtung aus, wenn er in der Comic-Ausstellung "eine Bereicherung für das meist biedere Bildungspublikum" sieht.

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Reflektionen über die Kunst. Szene aus Marc-Antoine Mathieus "Die Zeichnung", auf Deutsch bei Reprodukt erschienen.

Richtig wohltuend hebt sich da der Beitrag "Louvre goes Comic" des Pariser WDR-Korrespondenten Johannes Duchrow ab, der sich tatsächlich in erster Linie mit den Comic-Künstlern selbst und ihren Arbeiten beschäftigt. Über den Zeichner Bernard Yslaire erfahren wir etwa, dass er "die Entstehungsgeschichte des unvollendeten Porträts von Louise Trudaine erzählen wollte – ebenfalls ein Louvre-Exponat. Der Comic wurde vollständig auf einem PC gezeichnet. Die Anlage steht in der Ausstellung, der Besucher kann also die Arbeit von Zeichner Yslaire verfolgen." Der Künstler selbst kommentiert dies so: "Man sieht jede Mausbewegung bei der Entstehung von einem Comic-Element. Das ist einmalig, eine Zeichnung auszustellen, die erst entsteht." Einen kleinen Seitenhieb kann sich aber auch Duchrow nicht verkneifen, wenn er mitteilt, dass "es ziemlich kompliziert ist, die kleine, feine Ausstellung im Ostflügel des riesigen Museums zu finden".

Sehr viel deutlicher wird da F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus in seinem immer wieder lesenswerten Comic-Blog auf faz.net. Im Beitrag "Klickeradoms: Auf dem Weg nach Angoulême, Teil 2" stellt er klipp und klar fest: "Diese Einladung hätte der Comic ausschlagen sollen, denn das Gästezimmer, das ihm im Louvre zugewiesen wurde, liegt im hintersten Winkel des Sully-Flügels, direkt vor den Toiletten unten im Tiefgeschoß (...) In dem weiten, ansonsten vollkommen leeren Saal sieht das aus, als habe man vor einigen Jahrhunderten versehentlich ein paar Bildchen hängengelassen. Noch nie habe ich eine phantasielosere Comicpräsentation gesehen." Dem folgt dann noch Platthaus' finaler Todesstoß: "Diese Schau ist, das kann man nicht anders sagen, eine Blamage für das größte Museum einer großen Comicnation".

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