BLOG: COMICS IN DER PRESSE : Die Schlacht um Asterix

Martin Jurgeit vom Fachblatt "Comixene" zeichnet in seinem Blog den Streit zwischen Albert Uderzo und seiner Tochter um die Zukunft des großen Comic-Helden nach.

Martin Jurgeit
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Starke Argumente. Beim Streit um die Fortsetzung der Serie geht es um eines der höchsten Kulturgüter Frankreichs.Illustration: Egmont Ehapa

"Wir befinden uns im Jahr 2009 nach Chr. Ganz Gallien ist besetzt: Ganz? Ganz!" Mit diesen dramatischen Worten, die wohl jeden Comic-Leser an die Startseiten der "Asterix"-Alben erinnern, begann Sylvie Uderzo ihren offenen Brief "Aux lecteurs d'Astérix" (dt. "An die Leser von Asterix"), der in der großen französischen Tageszeitung "Le Monde" abdruckt wurde. Dieser spektakuläre Schritt markiert den vorläufigen Höhepunkt in einer Auseinandersetzung, die in Frankreich längst mit Bezeichnungen wie "Schlacht" oder "Krieg" umschrieben wird – wiewohl es ja eigentlich nur um die Zukunft einer Comic-Serie geht. Doch wenn es sich dabei um "Asterix" handelt, dann ist eines der höchsten Kulturgüter betroffen, an dessen Schicksal die ganze "Grande Nation" Anteil nimmt.

Ausgangspunkt der aktuellen Entwicklung war am 12. Dezember der Verkauf von 60 Prozent der Anteile der Éditions Albert René. Dieser Verlag war 1979 von Albert Uderzo gegründet worden – zwei Jahre nach dem Tod seines langjährigen Szenaristen René Goscinny. Hier sollten die vielen erfolgreichen Comic-Serien der beiden Comic-Künstler ihre Heimat finden, allen voran natürlich "Asterix". Doch dies gestaltete sich mehr als schwierig. Fast 20 Jahre zogen sich Rechtsstreitigkeiten mit dem alten Verlag Dargaud hin, bevor Uderzo endlich seine völlige Unabhängigkeit erkämpft hatte.

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Wie alles begann. Titel des ersten Asterix-Bandes von Goscinny und Uderzo.

Doch gerade diese scheint der Zeichner jetzt wieder aus der Hand geben zu wollen – allzu leichtfertig wie seine Tochter Sylvie Uderzo meint, die seit vielen Jahren genauso Anteile an den Éditions Albert René hält wie die Goscinny-Tochter Anne. Verbittert schreibt Sylvie Uderzo, sie "nehme nun den Kampf gegen die vielleicht ärgsten Feinde von Asterix auf: die Männer aus der Industrie und der Finanzwelt. Gegen die, die meinen Vater dazu gedrängt haben, sich selbst untreu zu werden und allen Werte, mit denen er mich erzogen hat."

"Man wollte mich aus dem Verlag verdrängen"

Und dann deutet sie an, dass der Haussegen wohl schon länger schief hängt: "Ich verstehe jetzt besser, warum seit achtzehn Monaten mitten in unserer Familie und Firma eine Krise ausgebrochen ist. Man wollte mich ganz klar aus dem Verlag drängen." Jenem Verlag, dem sie seit 1992 als Geschäftsführerin vorstand und den sie seit 2001 praktisch allein führte, nachdem sich ihr Vater ganz auf die Gestaltung neuer "Asterix"-Alben konzentrieren wollte. Schuld an allem sind für Sylvie Uderzo eine "Handvoll Berater im Halbdunkel, die um den Künstler herumstreunen, damit sie die Gelegenheit beim Schopfe packen und sich bedienen können, bevor es zu spät ist."

Klar, dass es Sylvie Uderzo unter diesen Umständen nicht ihrem Vater und Anne Goscinny gleichtun will, die ihre Firmenanteile an den französischen Medienkonzern Hachette veräußert haben. Ihre 40 Prozent will sie behalten und sogar den Verkauf jeglicher Anteile der Éditions Albert René anfechten.

Dazu sah sie sich wohl endgültig durch ein Hörfunkinterview ihres Vaters angespornt, das dieser RTL letzte Woche anlässlich des Todes des Filmemachers Claude Berri gegeben hat, der auch in einem "Asterix"-Film mitwirkte. In diesem Radiobeitrag kündigte Albert Uderzo für den Oktober das Erscheinen eines neuen "Asterix und Obelix"-Albums anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Reihe an: "Das wird ein Hommage-Band sein, der aber auch neue Comics enthalten wird, vor allem Kurzgeschichten mit Bezug zum Geburtstag der beiden Hauptdarsteller." Auf den Verkauf der Rechte an den Figuren an Hachette angesprochen, erinnert Uderzo daran, dass er ursprünglich die Absicht hatte, ganz so wie Hergé zu verfahren. Dieser hatte untersagt, dass seine Serie "Tim und Struppi" nach seinem Tod von anderen Künstlern fortgesetzt würde.

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Zukunftsmodell? Was passieren kann, wenn andere Zeichner sich um Asterix und Obelix kümmern, hat vor ein paar Jahren die...

Doch inzwischen hat Albert Uderzo seine Meinung geändert: "Ich denke, ich habe nicht das Recht, diese Figuren zu beerdigen, wenn der Leser noch nach ihnen verlangt. Ich sehe außerdem um mich herum große Figuren, die weiterhin sehr gut existieren." Doch gerade daran hat im Hinblick auf "Asterix" nicht nur Sylvie Uderzo ihre Zweifel, sollte die Serie erst einmal in die Fänge eines Konzerns geraten. Nicht wenige Fans sind sogar der Meinung, dass "Asterix" eigentlich schon mit dem Tod seines genialen Szenaristen René Goscinny einen Schlusspunkt verdient gehabt hätte.

Machtkampf der beiden Töchter der Asterix-Schöpfer

Auch erste deutsche Pressestimmen nehmen diesen Tenor auf. Sascha Lehnartz etwa schreibt in seinem "Welt"-Beitrag "Soll Asterix nach dem Tod seines Schöpfers weiterleben?" durchaus anerkennend über die Uderzo-Tochter: "Es ist diese Vorstellung eines gleichsam industriell produzierten, seelenlosen Asterix', welche Sylvie Uderzo rasend macht." Zudem vermutet er, "dass Sylvie Uderzo auch Anne Goscinny für eine solche Dunkelfrau hält." Diese fände nämlich die Übernahme der Rechte durch Hachette "sehr gut für Asterix". Die Figur sei schließlich ein Überlebenskünstler, der auch den Tod seines anderen Schöpfers – des Vaters von Anne Goscinny – gut verkraftet habe. "Die Schlacht um Asterix ist also auch ein Machtkampf der beiden Töchter seiner Schöpfer", bringt es Lehnartz auf den Punkt.

Und Andreas Platthaus zog bereits am 19. Dezember in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" unter der Titelzeile "Sesterzensegen" folgendes, vielleicht doch etwas optimistischere Resümee: "Die Reinzeichnungen der letzten beiden Alben waren schon nicht mehr von ihm, ein künstlerischer Nachfolger stünde also bereit. Und besser zu schreiben als Uderzo dürfte leicht sein."

Ergänzung vom 25. März 2009:
Inzwischen wurde bekannt, dass Sylvie Uderzo vor Gericht einen wichtigen Etappensieg erringen konnte. Auch die "Comic-News von tagesspiegel.de" brachten dazu eine Agentur-Meldung der dpa. Im Beitrag "Die spinnen, die Uderzos" lesen wir: "Ein Pariser Gericht habe Uderzos Verlag Albert-René dazu verurteilt, der Uderzo-Tochter 270000 Euro Entschädigung zu zahlen, berichtete der französische Sender LCI am Dienstag. Das Gericht befand, dass die Entlassung von Sylvie Uderzo de Choisy als Generaldirektorin wegen schwerer Fehler nicht gerechtfertigt gewesen sei."

Weitere tagesaktuelle Beispiele der Comic-Berichterstattung finden Sie wie gewohnt im Online-Portal Comicforum. Dort unterhält auch das Internetmagazin Comicgate ein eigenes Forum, in dem es bereits seit Jahren das Thema "Comics in der Presse" gibt.

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