Blog: Comics in der Presse : Klein, aber oho

Martin Jurgeit vom Fachblatt "Comixene" analysiert die Beiträge zum 50. Geburtstag des kleinen Nick

Martin Jurgeit
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Illustration aus: Goscinny - Sempé "Der kleine Nick und sein Luftballon", (c) 2009 by Diogenes Verlag AG Zürich

Am vergangenen Sonntag galt es also wieder einmal, ein rundes Jubiläum zu feiern. Und um es gleich vorauszuschicken – diesmal ist in der hiesigen Presse im Großen und Ganzen alles gutgegangen.

Zu den Gratulanten gehörte Volker Weidermann von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Im Beitrag "Freund fürs Leben"  stellt er fest, dass es ja nicht ganz leicht sei, fünfzig zu werden, wenn man mit Vornamen "Klein" heißt: "Nachher lachen die Leute noch und finden dich zu albern für dein Alter. Oder sie sagen sogar, du seist unwürdig. Für den 'kleinen Nick', der heute vor fünfzig Jahren in einer französischen Sonntagszeitung das Licht der Welt erblickte, besteht diese Gefahr nicht. Gut, er ist nicht gewachsen seit 1959, aber unwürdig? Wirklich nicht. Albern ist er allerdings unbedingt. Sehr, sehr albern, wie am ersten Tag." Der von Sempé gezeichnete und von René Goscinny geschriebene Nick sei "ein Genie des Augenblicks, ein Wahrheitsverkünder, Revolutionär und ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen kann". Halt ein echter "Freund fürs Leben".

Beinahe auf einer ganzen Seite widmete sich außerordentlich fundiert und fesselnd "Welt"-Autor Matthias Heine in der "Literarischen Welt" dem Thema. In "Der kleine Nick wird 50" deckt er sogar auf, dass das mit dem runden Geburtstag nicht so ganz stimmt, denn "eigentlich kommen die Feiern drei Jahre zu spät. (...) Im Büro der belgischen Agentur World Presse an der Avenue des Champs Élysées traf Goscinny einen unbekannten 21 Jahre alten Zeichner, der soeben aus seinem Geburtsort Bordeaux in die Hauptstadt gekommen war: Jean-Jacques Sempé. (...) 1956 erschien dann in dem belgischen Wochenblatt 'Le moustique' ('Die Mücke') das erste gemeinsame Werk von Goscinny und Sempé: Geschichten um einen kleinen Jungen namens Nicolas (so heißt der kleine Nick im französischen Original) – als Comic! Doch dieser frühen Version war kein Erfolg beschieden. Es blieb bei 28 kurzen Strips." Heine erläutert auch, warum immer wieder von angeblich neu entdeckten Nick-Geschichten die Rede ist: "In sieben Jahren illustrierte Sempé jede Woche eine Geschichte, die Goscinny ihm schickte. Kein Wunder, dass Goscinnys Tochter Anne 2004 zahlreiche 'unveröffentlichte' Erzählungen fand, die nie in Buchform erschienen waren."

Unter anderem im "Hamburger Abendblatt" war der Text "'Der kleine Nick' feiert 50. Geburtstag" der französischen AFP-Agentur zu lesen. Dort erfahren wir, dass Frankreichs Hauptstadt dem weltbekannten Burschen eine eigene Ausstellung im Pariser Rathaus widmet: "Allein an den ersten beiden Tagen strömten fast 3000 Menschen hierher, am Wochenende warteten die Nick-Fans bis zu zwei Stunden in der Schlange." Und sogar der Sprung auf die große Leinwand steht an, denn "am 30. September kommt der kleine Nick außerdem als Film in die französischen Kinos."

Der eine oder andere wird sich vielleicht noch an meine Einteilung von Jubiläumsartikeln in vier Fraktionen erinnern, die ich in der Folge "Das geheime Liebesleben von Tim und Struppi" anlässlich des 80. Jahrestages der Serie vornahm. Diese Aufstellung kann ich jetzt noch um die "virtuellen Interviews" ergänzen, wie Stefan Simons auf "Spiegel Online" zeigt. In "Da komme ich ganz groß raus"  gelingt es ihm doch tatsächlich, mit O-Tönen des kleinen Nick aufzuwarten, als dieser "erläutert", warum 31 Jahre nach dem Tod von René Goscinny unveröffentlichte Geschichten erscheinen können: "Also, das war so, dass Anne, Anne Goscinny, die Tochter von René, der mich erfunden hat, 1959, und auch meine Freunde, nämlich Rufus, der immer alles besser weiß, nur weil sein Vater Flic, ich meine, Polizist ist, Geoffroy, der immer angeben muss und einen reichen Papa hat, der ihm alles schenkt, und Eudes, der stark ist, und dann Alceste, der immer Hunger hat und deswegen nie die Pause verpasst und mitten im Fußballspiel anfängt seinen Fressbeutel zu suchen ..." Die Idee ist wirklich nett und sprachlich ansprechend umgesetzt – nur inhaltlich hätte das Ganze deutlich prickelnder ausfallen müssen. Man wagt sich gar nicht auszumalen, was Goscinny selbst aus solch einem "Frage und Antwort"-Spiel mit seiner Figur herausgeholt hätte.

Zu einem "echten" Gespräch machte sich dagegen die ARD-Mitarbeiterin Angela Ulrich vom Hörfunkstudio Paris auf, als sie René Goscinnys Tochter Anne besuchte."Der kleine Nick wird 50" lautet ihr Bericht darüber, in dem Anne Goscinny sich folgendermaßen zu ihrem "Stiefbruder" äußert: "Wenn ich ihn mir so anschaue, dann ist er nicht gealtert. Er hat an Größe gewonnen, ist vielleicht melancholischer, aber auf jeden Fall reifer geworden. Und von ewiger Aktualität, zeitlos". Und dann erinnert Angela Ulrich noch an den anderen kleinen Nick: "Nur einige Hundert Meter Luftlinie entfernt wohnt einer bei Carla Bruni, den sie in Frankreich auch oft 'Le Petit Nicolas' nennen – ihr Ehemann, Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy. Die Parallele stört Anne Goscinny nicht: 'Ich kenne den Präsidenten nicht gut, aber er muss brillant sein und sehr witzig. Sonst wäre er nicht in solch ein Amt gekommen. Er ist würdig, diesen Namen zu tragen!'"

Frankreich, du hast es besser! Ob wir es auch in Deutschland mal erleben werden, dass sich Spitzenpolitiker schon kraft Amtsantritt würdig erweisen, mit einer Figur wie dem kleinen Nick verglichen zu werden?

Alle Folgen des Blogs "Comics in der Presse" gibt es hier.

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