BLOG: COMICS IN DER PRESSE : Mecki und die Zigeuner

Martin Jurgeit vom Fachblatt "Comixene" über den aktuellen Streit um einen historischen Comic-Igel

Martin Jurgeit
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Stachlige Angelegenheit. Um Mecki - hier ein Ausschnitt vom Titelbild des neuen Sammelbandes - ist ein geschichtspolitischer...Ilustration: Echer/Esslinger

In den vergangenen Tagen kochen in der Comic-Szene die Emotionen hoch. Vielleicht ist dies auch den diversen meteorologischen Hochs geschuldet, die derzeit übers Land ziehen. Der unmittelbare Anlass – der erste Band einer Gesamtausgabe des klassischen Zeitschriften-Comics "Mecki" im Esslinger Verlag – ist nämlich eher unscheinbar. Trotzdem hat sich inzwischen eine veritable Theaterposse rund um den Stachelkopf entwickelt, die aufzudröseln nicht ganz einfach ist ...

Auftritt 1: Der Autor

An Anfang der Auseinandersetzung steht die Veröffentlichung des Artikels "Zigeuner aus 'Lausedonien'" in der "Frankfurter Rundschau" vom 25./26. Juli – doch schon mit der Überschrift ist es so eine Sache, wie wir in Akt 2 sehen werden. Der Beitrag wurde vom freien Autor Stefan Pannor – wohl mit eher schneller Feder – runtergeschrieben, und man merkt sofort, dass er von der Serie "Mecki", die bis heute in der Rundfunkzeitschrift "Hörzu" erscheint, kaum mehr als den Miniausschnitt von 1958 aus dem ersten Sammelband kennt. Wenn Pannor etwa die "Behäbigkeit der Handlung" unter anderem damit zu belegen versucht, dass es "sogar in der kulturpolitisch gesteuerten DDR (mit) 'Mosaik', ein wesentlich moderneres Comic (gab), dessen Helden gerade dabei waren, den Sprung ins Weltall zu wagen", kann dies nur belustigen, denn Mecki war schon Jahre zuvor zum Mond geflogen.

Auslöser der ganzen Aufregung sind aber vor allem Artikelpassagen, in deren Mittelpunkt Angehörige der Volksgruppe der Roma stehen, die Reinhold und Grete Escher, die Künstler des Comics, dem in den 1950er Jahren üblichen Sprachgebrauch nach als "Zigeuner" titulierten.

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Umstritten. Die in der "Frankfurter Rundschau" verkürzt dargestellte Sequenz mit dem Jungen Mirko.(c) Esslinger/Hörzu/Escher

Pannor unterstellt in seinem Beitrag den Eschers aber offen rassistische Motive, wenn er zuspitzt: "Als der Igel und seine Frau den Schurken Schofel verfolgen, gelangen sie in einen vor allem von Zigeunern bevölkerten Landstrich, 'Lausedonien' genannt. 'Hast du das Huhn gestohlen?', fragt Mecki einen zerlumpten Jungen. Das ist zwar nicht der Fall. Aber Ordnung muss schließlich sein."

Doch hält dies alles einer genaueren Lektüre der kurzen Episode wirklich stand? Die Verfolgungsjagd führt augenscheinlich in ein Balkanland, das unschwer als Bosnien-Herzegowina zu identifizieren ist. Hierfür spricht auch ein Anschlag auf eine Staatskarosse, der stark an das Attentat von Sarajevo erinnert. Und vom flapsig-abwertenden Namen "Lausedonien" kann man halten, was man will – die Geschichte lässt aber überhaupt nicht Pannors Interpretation "eines vor allem von Zigeunern bevölkerten Landstrichs" zu. Diese werden mit ihrem romantisierenden Zigeunerlager ausdrücklich als "fahrendes Volk" gezeigt, das weder mit dem sie gerade beherbergenden Land selbst gleichgesetzt werden kann noch dieses mit ihren wenigen Köpfen irgendwie ethnisch dominieren würde.

Auch die Episode mit dem Jungen liest sich im Grunde ganz anders, als von Pannor verkürzt dargestellt.

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Meckis Widersacher: Einmal mit der (gedruckten) dunklen Hautfarbe...(c) Esslinger/Hörzu/Escher

Vielmehr versteht es das Autorenpaar Escher vortrefflich, den Lesern selbst – die sich ja mit Mecki identifizieren! – in dieser Szene den Spiegel vorzuhalten. Denn natürlich haben auch die Leser (also wir alle) erst einmal den flüchtenden (!) Jungen im Verdacht. Und auch wir Leser – nicht nur Mecki! – bleiben dann beschämt zurück, wenn der Junge Mirko direkt im Anschluss seine Unschuld klarstellt und resigniert anfügt: "Aber niemand will es mir glauben, weil ich ja ein Zigeunerkind bin."

Schon hier wäre also eine etwas aufmerksamere Lektüre der Geschichte sinnvoll gewesen. Das gleiche gilt für den zweiten Hauptvorwurf, den Pannors Artikel der Reihe "Mecki" macht, wenn unser Held auf seinen Widersacher trifft: "Schofel heißt der, was im Jüdischen so viel wie schäbig, geizig, kleinlich bedeutet, und er hat dunkle Haut. 'Dieser Freund gefällt Mecki gar nicht!', steht unter dem Bild."

Seltsamerweise wandelt die "dunkle Haut" ihre Pigmentierung auf anderen Seiten des Bandes in aschfahl, denn genau dies war die Kolorierung, die der Zeichner auf den Originalen vorgenommen hat.

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...sowie aschfahl im Original.(c) Esslinger/Hörzu/Escher

Auch dies ist natürlich eine zeichnerische Stigmatisierung des Schurken mit dem Holzhammer – bleibt aber weit entfernt von der rassistischen Konnotation, die die "Frankfurter Rundschau" vornimmt, wenn sie von "dunkler Haut" schreibt.

Auftritt 2: Die Zeitungsredaktion

Und spätestens hier kommt die Redaktion der "Frankfurter Rundschau" ins Spiel. Denn im Internet lesen wir – wie gerade schon zitiert – über den Bösewicht: "Schofel heißt der, was im Jüdischen so viel wie schäbig, geizig, kleinlich bedeutet." Das ist natürlich Quatsch, denn es gibt keine "jüdische" Sprache (zumal man hiermit heutzutage allenfalls Hebräisch verbinden würde), sondern der Autor des Artikels meinte natürlich "Jiddisch". Immerhin fiel dieser peinliche Lapsus noch den Korrektoren der Printausgabe der "Frankfurter Rundschau" auf. Warum, frage ich mich aber, steht dann bis heute online die falsche Version? Es ist dies ein beredtes Beispiel dafür, mit welch großen Unterschieden in der Sorgfalt noch immer Texte im "virtuellen" Internet und der "realen" Printwelt behandelt werden.

Noch besser wäre es gewesen, wenn die Korrektoren der FR gleich die ganze Passage mit "Schofel" rausgeschmissen hätten, denn der von Pannor unterstellte antisemitische Unterton trifft hier überhaupt nicht zu. Bei dem Begriff handelt es sich ja gerade nicht um eine antisemitische Stereotype, sondern um ein aus dem Jiddischen ins Deutsche entlehnte Wort, dessen Wurzeln zudem den wenigsten überhaupt bekannt sein dürften. Genau dies trifft auch auf viele vergleichbare Fälle zu. Wer käme wohl auf den Gedanken, einen Malocher im Bergwerk oder einen Skat-Zocker am Stammtisch automatisch mit dem jüdischen Glauben in Verbindungen zu bringen, nur weil diese Personen mit einem jiddischen Lehnwort bezeichnet werden?

Es scheint auch niemandem aufgefallen zu sein, dass solche Vorwürfe gerade im Zusammenhang mit dem Springerblatt "Hörzu", wo "Mecki" erscheint, höchst seltsam anmuten. Schließlich wurde dem Axel Springer Verlag bisher immer seine große Nähe zu jüdischen Organisationen und insbesondere auch Israel "vorgeworfen".

Doch der Redaktion der "Frankfurter Rundschau" kamen derart zweifelhafte Gleichsetzungen offenbar nur allzu gelegen. Denn bei der Bearbeitung für den Abdruck erhielt der Artikel noch die zackige Überschrift "Herrenigel und Pantoffelheld" verpasst, die nun gleich klarmachen sollte, dass wir es bei Mecki unzweifelhaft mit einem verkappten Nazi zu tun haben.

Plumper geht es wirklich nicht – und das geht auch deutlich weiter, als es der (freie) Autor Stefan Pannor beabsichtigt hatte, wie wir seinem eigenen Blog unter www.pannor.de entnehmen können. Im Blog-Beitrag vom 12. August, "Herren und andere Igel. – 'Mecki' und die Folgen", verrät er uns nämlich seine eigene Headline, die lediglich "Nach 'Lausedonien' und anderswo" lautet und in abgewandelter Form in der FR nur noch als Untertitel zum Einsatz kam.

Wiederum eine ganz andere Überschrift war im Internet vonnöten, wo man schließlich dem Suchmaschinenterror von Google & Co. ausgeliefert ist und deshalb möglichst viele Reizwörter in den Headlines platzieren muss. Somit wählte man hier – wie bereits eingangs erwähnt – den Titel "Zigeuner aus 'Lausedonien'".

Sicherlich kein Zufall war es auch, dass die FR-Redaktion den Beitrag ausgerechnet in die Ausgabe hievte, in der sie bereits ausführlich in dem Artikel "Das Glaubensfest der Vergessenen" von der für die Sinti und Roma besonders wichtigen Wallfahrt in das niedersächsische Germershausen berichtete.

Auftritt 3: Der Verlag

Was dann passierte, als die zugespitzte Artikelüberschrift auf die oben bereits zitierten Sätze zum Zigeunerjungen Mirko und den Beitrag über die Wallfahrt der Sinti und Roma traf, kann wieder in Stefan Pannors Blog nachgelesen werden: "Gemeinsam mit der Überschrift (die nicht von mir stammt) erweckten sie ein Bild von Sinti und Roma, das tatsächlich abzulehnen ist (...) In seiner Funktion als Vorsitzender des Zentralrates schrieb Romani Rose darum einen Brief an den Esslinger Verlag."

Aus dem Schreiben zitiert Pannor anschließend Romani Rose mit der Kernaussage: "Es ist nicht nachvollziehbar, daß die Werke der von den Nazis hochdekorierten Autoren heute noch unkommentiert nachgedruckt und als bunte Kinderbücher in Umlauf gebracht werden. Wie sollen wir von den Schulen verlangen, zur Humanität und zum Antirassismus zu erziehen, wenn wir zugleich erlaubten, dass in Büchern herabsetzende und entwürdigende Vorurteile über Sinti und Roma und Juden verbreitet werden."

Die Internetseite Splashcomics berichtete daraufhin unter der Überschrift "Auslieferung der Mecki-Neuauflage zeitweise gestoppt": "Der Esslinger Verlag nahm dieses Anschreiben ernst und für kurze Zeit den ersten Mecki-Band aus dem Vertrieb (...) Zeit genug, um einen Beileger zu produzieren, (...) (in dem) explizit darauf hingewiesen (wird), dass die Mecki-Comics 'ein zeithistorisches Reprintdokument' sind, 'das im Kontext der 50er Jahre zu verstehen ist und nicht in die Kategorie des modernen Kinderbuchs eingeordnet werden darf'."

Dieses Blatt, das den inzwischen wieder in der Auslieferung befindlichen Bänden beiliegt, kann man auch online bei Splashpages als PDF herunterladen.

Auftritt 4: Die Fans

Wer jetzt glaubte, dass dies alles zu einer Abkühlung und finalen Versachlichung der Situation führen würde, muss sich spätestens seit vorgestern eines besseren Belehren lassen. In seinem F.A.Z.-Blog schilderte Andreas Platthaus nämlich am 12. August im Beitrag "Telefonterror um Meckis Willen", wie sehr sich die ganze Diskussion insbesondere in Fankreisen bereits verselbständigt hat. Wir lesen bei Platthaus: "Nun hat Mecki aber etliche Liebhaber unter nostalgischen Comiclesern, und natürlich waren Pannors Artikel und dessen Folgen bei ihnen nicht unbemerkt geblieben. Das von Lothar Schneider als Administrator mitbetriebene Internet-Forum Comic-guide.net widmete sich der Sache, und im lediglich Mitgliedern des Forums zugänglichen Bereich wurden zahlreiche Meinungen dazu ausgetauscht, die aber alle einen Tenor hatten: Unglaublich, was dem unschuldig-kindlichen Mecki da durch einen selbstherrlichen Journalisten angetan worden ist!"

Und weiter berichtet Platthaus, dass "der Tonfall der dortigen Beiträge nicht dazu angetan war", ihm Lust darauf zu machen, sich trotz ausdrücklicher Einladung an der Diskussion zu beteiligen, "zumal etliche Statements voller Perfidie gegenüber journalistischer Comic-Kritik im Allgemeinen waren. Ich hätte meinen Beruf schon sehr hassen müssen, um mich da einzureihen, vom Niveau der Texte im Forum ganz zu schweigen, die sich vor allem darin überboten, zu überlegen, wie man Pannor die eigene Verachtung am besten spüren lassen könnte. Hinweise, wie man an seine Telefonnummer kommt, waren jedenfalls zahlreich."

Angesichts dieser Äußerungen sollte man sich wieder einmal vor Augen führen, dass der Begriff "Fan" von "fanatisch" abgeleitet wurde. Und Platthaus stellt sehr zutreffend fest, dass es eine typische Überschussreaktion sei, "das, was man liebt, heftiger zu verteidigen als unbedingt nötig." Überhaupt hat man das Gefühl, dass hier viele der beteiligten Akteure irgendwie über das Ziel hinausgeschossen sind mit ihren reißerischen Effekthaschereien und haltlosen Unterstellungen. Wollen wir mal hoffen, dass das Ganze eine ähnliche Sommerposse bleibt, wie die Auseinandersetzung um die "islamfeindlichen" Passagen im Vereinslied von Schalke 04.

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