Blog: Comics in der Presse : Vor dem Original kapituliert

Comicfotorealismus: Martin Jurgeit vom Fachblatt "Comixene" analysiert in seinem Blog "Comics in der Presse" die Filmkritiken zu "Watchmen – Die Wächter".

Film Title: Watchmen
Grenzgänger. Jackie Earl Haley als Rorschach.

Dass der Comic inzwischen als eigenständige Kunstform anerkannt wird, kann man interessanterweise gerade daran festmachen, wie mit den Verfilmungen seiner Stoffe in den Feuilletons verfahren wird. Noch vor einigen Jahren, war vielen Filmredakteuren kaum bekannt, dass sie gerade eine Comic-Verfilmung sahen, wenn sie eine Pressevorführung betraten. Schöne Beispiele hierfür sind etwa Filme wie "Men in Black" oder "Road to Perdition", die nur in seltenen Fällen mit ihrer Comic-Vorlage in Verbindung gebracht wurden.

Bei der "Watchmen"-Verfilmung könnte man einwenden, dass diese als Superhelden-Streifen ziemlich einfach ihrem Comic-Ursprung zuzuordnen ist. Dennoch fällt auf, wie detailliert sich ausnahmslos alle Filmbesprechungen mit dem Comic-Original auseinandersetzen. Denn selbst wenn die Pressehefte in früheren Jahren darauf hinwiesen, dass der Film auf einem Comic basiert, war kaum davon auszugehen, dass viele Filmredakteure dies zum Anlass nahmen, die Vorlage zu lesen.

Wie sehr sich dies inzwischen geändert hat, konnte man in der Wochenzeitung "der Freitag" nachlesen. In dem in der Ausgabe vom 5. März abgedruckten "Blog Alltag", wird die Autorin zur Einleitung gleich folgendermaßen geoutet: "Anke Gröner schreibt über Serien und Filme. Heute liest sie zur Abwechslung den Comic 'Watchmen'". Übrigens fand die Verfilmung dann konsequenterweise im "Freitag" keine weitere Beachtung. Stattdessen schildert Anke Gröner herrlich unverblümt, wie es ihr üblicherweise ergeht, wenn sie sich doch einmal die Comic-Vorlage zu einem Film ausleiht: "Ich vertiefe mich für zehn Seiten in die Superheldengeschichte und gebe das Buch dann zurück mit der Bemerkung: 'Nervt. Guck ich lieber als Film.'" Doch diesmal war alles anders: "Watchmen erzählt nicht nur eine brillante Geschichte; was mich so fasziniert hat, war die Art und Weise, wie sie mir erzählt wird. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass diese Geschichte als Comic erzählt werden muss, dass sie als gewöhnlicher Roman längst nicht die Kraft entwickelt hätte, die sie hat."

Und damit wird uns gleich ein weiteres schönes Stichwort geliefert: der Roman, insbesondere als Verfilmungsobjekt. Auch in diesem Zusammenhang lässt sich die gesteigerte Reputation des Comics wunderbar nachweisen. Denn schon seit Anbeginn der Zeit gilt die Regel: Der Roman ist IMMER besser als seine Verfilmung. Genau diese Regel wird inzwischen beinahe ausnahmslos in den Filmkritiken auf den Comic übertragen, was noch vor ein paar Jahren – mangels Kenntnis der Comic-Originale bei den meisten Journalisten – nicht vorstellbar war. Interessanterweise wurden dieser Umschwung, wenn auch erst zaghaft, durch eine Verfilmung eingeleitet, die ebenfalls auf einer Graphic Novel von Alan Moore basiert, nämlich "From Hell". So sehr Alan Moore also auch immer wieder zurecht mit "seinen" Kinofilmen hadert, kommt gerade diesen Fehlschlägen doch das große Verdienst zu, die besondere Ausdruckskraft der Kunstform Comic einem immer breiteren Publikum verständlich zu machen – wenn auch über die (offenbar nötige) Umleitung durch die Kinosäle.

Dieser Paradigmawechsel lastet inzwischen wie ein Mühlstein auf den Akteuren der Filmbranche, die hin und her gerissen sind zwischen der Erwartungshaltung der Comic-Fans und den Erfordernissen der Kunstform Film. Und wie textete schon Friedrich von Logau so schön: "In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod". Bei "Watchmen" – so eine ganze Reihe von Filmkritiken – wurde dieses Dilemma dadurch gelöst, dass man vor dem Comic-Original regelrecht kapituliert hat.

Fritz Göttler etwa schreibt in der "Süddeutschen Zeitung" in seiner Filmbesprechung "Die Erben des gordischen Knotens": "Der Regisseur Zack Snyder, ein Fan, hat den wohligen Schauder der völligen Unüberschaubarkeit des Romans – und des Geschehens, das er schildert – so gut wie möglich zu wahren versucht. Seine Kinoversion ist über zweieinhalb Stunden lang, für die DVD hofft er auf über drei. Zack Snyder fühlt sich sichtlich wohl ohne große Autoren-Ambitionen, als getreuer Diener seiner Vorlagen."

In das gleiche Horn stößt auch Martin Zeyn in der "tageszeitung". In "Stell dich über das Recht" schreibt er: "Zack Snyders Ehrgeiz richtete sich diesmal nicht darauf, etwas Neues zu entwickeln wie in '300', sondern so exakt wie möglich die Vorlage abzubilden, also textgetreuen Comicfotorealismus abzuliefern." Und dann führt er weiter aus: "Also müsste doch alles in Butter sein, schließlich gehört der Comic zu den besten, die je erschienen sind. Aber bald stellt sich Langeweile ein. Bei dieser Verfilmung fällt auf, dass Snyder den Schauspielern kaum Raum lässt. Alles muss so aussehen wie im Comic, jede angedeutete Geste wird nachvollzogen." Am Ende resümiert er: "Das ist keine Werktreue, sondern Entscheidungsschwäche."

Für Sebastian Handke vom "Tagesspiegel" sind Zack Snyders so abgefilmte "Grübelmännchen" mutig und feige zugleich: "Feige, weil man sich der Macht der Fans beugt, die sich im Internet organisieren und ihr Lieblingsbuch hüten wie das Gründungsdokument einer Religion, das nur sie auszulegen verstehen. Dieser Werktreue entspringt jetzt ein Film, der zwar gut aussieht, zugleich aber reichlich irrelevant ist." Aber auch mutig ist die Umsetzung, "weil dabei ein sehr eigentümlicher Film entstanden ist, der jenseits der Fan-Kreise sein Publikum noch finden muss. Denn diese eher spröde und weit ausgreifende Bildfolge hat mit bisherigen Superhelden-Filmen nichts gemein. Es fehlt 'Watchmen' jegliche dramatische Wucht, und doch ist er auf eigentümliche Weise faszinierend: kalt, monumental und fast meditativ."

Ähnlich versöhnlich schließt dann auch Michael Kohler in der "Frankfurter Rundschau", wenn er in "Rorschach-Test" schreibt: "Snyder breitet beinahe sämtliche Motive der mäandernden Vorlage auf stattliche und erst in der zweiten Hälfte etwas zäher werdende 160 Minuten aus. Sein Film ist ein erstaunlich filmisches Puzzle aus Comic- und Kulturgeschichte, in dem neben Nietzsches Übermenschen genügend Platz für William Paleys Uhrmachergott und Friedenspharao Ramses II. bleibt. Dass Snyder deswegen am Ende ein wenig mit dem Fantasy-Hammer philosophieren muss, liegt wohl in der Natur der Sache."

Hinweis: Unsere Watchmen-Verlosung ist beendet, die Gewinner werden per Post benachrichtigt.

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