BLOG: COMICS IN DER PRESSE : Zombies mit Monstersandalen

Martin Jurgeit vom Fachblatt "Comixene" bloggt über das Festival im französischen Angoulême.

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Auszeichnung. Der französische Zeichner Winshluss wurde für seinen Comic "Pinocchio" geehrt.Foto: AFP

Vorab will ich mich gleich einmal outen: Ich war noch nie auf dem Comic-Festival in Angoulême, obwohl es das mit Abstand Größte und Bedeutendste in Europa ist. Wie schon in den Vorjahren war ich also wieder auf die Berichte von Bekannten angewiesen, die die lange Reise an den südwestlichen Zipfel Frankreichs auf sich genommen hatten. Zudem konnte ich einige Infobrocken in diversen Kultursendungen von ARTE aufschnappen – und natürlich Zeitung lesen!

Und was man dort sah, überraschte einigermaßen. Ist dort doch unter anderem von Zombies, Dämonen oder Monstersandalen im Zusammenhang mit Angoulême die Rede. Die Auflösung des letzten Begriffs findet sich in Jutta Harms Beitrag "Bist du nicht artig, holt dich die Monstersandale" aus der Berliner Zeitung. Dort lesen wir von der "Ausstellung des japanischen Manga-Altmeisters Shigeru Mizuki. Ausdrucksstark setzt er die Gräuel des Krieges in Szene, die er als junger Soldat selbst erfahren hat. Ihm haben wir auch eine illustrierte Enzyklopädie über "Yokai" – Dämonen der japanischen Sagenwelt – zu verdanken. Eine der grauenvollsten Erscheinungen daraus ist sicher 'Bakezori, die Monstersandale', die Menschen heimsucht, welche ihre Schuhe nicht ordentlich pflegen."

Überhaupt kommen die Ausstellungen dieses Jahr sehr gut weg: "Nachdem jahrelang die Qualität des Programms zugunsten des Geschäfts so stark vernachlässigt worden war, dass es kaum lohnte, die Ausstellungen anzusehen, hat man sich in Angoulême glücklicherweise wieder darauf besonnen, dass Geld nicht alles ist. Oder wenigstens darauf, dass man von dem Budget von aktuell 4 Millionen Euro mehr in die Kunst investieren sollte. Jedenfalls kann das Ergebnis sich sehen lassen. Die Balance zwischen Mainstream und Independent Comics ist gelungen, die Bandbreite an internationalen Comics erfreulich", zieht Jutta Harms ein Resümee.

Dem schließt sich auch Christian Gasser in der "Neuen Zürcher Zeitung" an. In "Zombies, Dämonen und viele gute Geister" berichtet er von der positiven Stimmung: "Die guten Zahlen, das anregende Programm, die vielen Gäste und nicht zuletzt das frühlingshafte Wetter vertrieben Sorgen und Ängste. Ausserdem war die malerische Innenstadt Angoulêmes vom Freitagmorgen bis zum Sonntagabend weit voller als während der Demonstration vom Donnerstag – laut den Veranstaltern wurden 200 000 Eintrittskarten verkauft. Eine eindrückliche Demonstration für die Vitalität und die Popularität der Bandes dessinées."

Fehlt noch die Auflösung der NZZ-Monstergalerie in der Headline. Diesmal zeichnet kein ostasiatischer Manga-Künstler verantwortlich, sondern der "Spielfilm 'Villemolle (81)' – eine haarsträubende, überaus witzige und brillante Mischung aus einem Dokumentarfilm über ein Provinznest und einem Horrorschocker über den Einfall eines ausserirdischen Zombievirus. Dieser Film, der in Angoulême seine Premiere erlebte, sorgte für viel Gesprächsstoff, mauserte sich zum Höhepunkt und machte Winshluss zum heimlichen Star des Festivals."

Das sieht auch Andreas Platthaus in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" so. In dem Festivalbericht "Rettet unsere Zeichner vor dem Film" vom 3. Februar rühmt er die Vergabe des Preises für das beste Album an Winshluss "Pinocchio"-Version als "mutigste Entscheidung einer Jury in Angoulême seit Jahren. Denn nicht nur, dass damit ein vor allem in amerikanischer Underground-Tradition stehendes Album gewürdigt wird, es ist auch eine geradezu wild gewordene Variation von Carlo Collodis Kinderbuch, die mit dem Original außer den Figuren nichts mehr gemein hat." Zudem verbindet Platthaus mit dieser Ehrung die Hoffnung, dass der Künstler so vielleicht dauerhaft dem Comic verbunden bleibt, "denn im vergangenen Jahr hat Winshluss als Co-Regisseur an der Verfilmung von Marjane Satrapis Comic 'Persepolis' mitgewirkt, allerdings unter seinem richtigen Namen Vincent Paronnaud."

Andreas Platthaus hat zudem dafür gesorgt, dass ich mich dieses Jahr so umfassend über Angoulême informiert fühlen konnte wie nie zuvor. In immerhin neun Beiträgen seines Comic-Blogs hielt er uns nämlich darüber auf dem Laufenden, wie sich zunächst seine Anreise und dann der Aufenthalt in Frankreichs Comic-Metropole der vergangenen Woche gestaltete. Am 24. Januar erinnerte er noch einmal an die Gewinner des "Großen Preises von Angoulême" im Vorjahr, die diesjährigen Festival-Präsidenten Dupuy & Berberian. Einen Tag später berichtete er am 25. Januar von seinem Besuch einer Comic-Ausstellung im Louvre (mehr hierzu in meinem "Comics in der Presse"-Blog vom 31. Januar). Am 26. Januar schilderte uns Platthaus wie Ausstellungsgäste wortwörtlich "ihre Höflichkeit für ein Linsengericht aufgaben". Von einem hoch interessanten Gespräch mit dem Proust-Comic-Künstler Stéphane Heuet lasen wir am 27. Januar. Stattfinden musste das Treffen übrigens noch in Paris, "denn nach Angoulême fährt Stéphane nicht".

Weiter ging es am 28. Januar direkt in Angoulême. Das "virtuelle" Wiedersehen fand unterhalb des Espace Franquin statt, "der diesmal als 'Manga Building' firmiert, was den bisherigen Namensgeber mutmaßlich im Grab rotieren läßt", wie Platthaus mutmaßt. Und richtig los ging es mit dem Festival dann am 29. Januar mit einer Videobotschaft an die Comic-Fans in Angoulême, in der sich Steven Spielberg und Peter Jackson zum langerwarteten "Tim und Struppi"-Film äußerten – im "Schulze und Schultze"-Look! Am 30. Januar beobachtete Platthaus Jens Harders Vorstellung seines Opus "Alpha". Das "zweifellos ambitionierteste Buch, das auf dem ganzen Comicfestival von Angoulême zu finden ist", wie Platthaus feststellte. Der nächste Tag, der 31. Januar, zeigte dann, dass auch FAZ-Ressorleiter nur normale Menschen sind, die nicht in jede Veranstaltung reinkommen – irgendwie tröstlich. Glücklicherweise mitbekommen hat Andreas Platthaus aber am 1. Februar, wie Blutch den Großen Preis von Angoulême gewonnen hat, so dass er – seine Leser gut informiert wissend – wieder den Redaktionsschreibtisch in Frankfurt am Main einnehmen konnte. Ein tolles Comic-Reise-Blog-Experiment, das unbedingt eine Wiederholung verdient. Martin Jurgeit

Der Journalist und Publizist Martin Jurgeit ist Chefredakteuer des Comic-Fachmagazins COMIXENE. Die

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