„California Dreamin’“ von Pénélope Bagieu : Mama mit Stimme

In ihrem Comic „California Dreamin’“ erzählt Pénélope Bagieu ein Stück Popgeschichte - lebendig, anrührend und mit einigen künstlerischen Freiheiten.

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Sound and Vision: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Sound and Vision: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Carlsen

Vier junge Leute liegen zugedröhnt in einer Garage. Sie reden und singen durcheinander. Michelle sehnt sich nach der Wärme der Westküste, hier im winterlichen Baltimore ist es ihr zu trübe: „Welkes Laub, der Himmel grau, in L. A. war’s wenigstens warm“, sagt sie. Ihr Liebhaber John, die Gitarre auf dem Bauch, ist von diesem Satz elektrisiert. „Das ist genial!“, ruft er. „Gib mir ’nen Stift! Ich will aufschreiben, was du gerade gesagt hast.“

Und obwohl das mit dem Stift noch eine Weile dauert und der Raum immer noch von wirrer Trägheit erfüllt ist, geschieht hier gerade etwas Großes: Eine Band schreibt ihren größten Hit. So erzählt es die französische Comiczeichnerin Pénélope Bagieu in ihrer nach dem Song benannten Graphic Novel „California Dreamin’“. Auch die Idee mit dem Wechselgesang der weiblichen und männlichen Stimmen entsteht demnach an diesem Tag in der Garage.

Die 1982 in Paris geborene Bagieu hat sich hier offenbar einige künstlerische Freiheiten erlaubt. Denn laut John und Michelle Phillips schrieben sie beide „California Dreamin’“ in einem New Yorker Hotelzimmer, lang bevor es die The Mamas & The Papas gab. Die schöne Blonde und der lange Dünne sind allerdings nicht die Helden des lesenswerten Bandes, sondern Cass Elliot, die zweite Frau in der Gruppe. Klein, dick, mit einer umwerfenden Stimme gesegnet und auch als Mama Cass bekannt. Wie ihr Leben bis zu den ersten Erfolgen der Band verläuft, berichten von Kapitel zu Kapitel wechselnde Erzählstimmen. Ein schlauer Kniff, denn so lassen sich Unschärfen und Sprünge erklären.

„Deine Schwester nimmt Drogen“

Die Episode in der Garage ist beispielsweise aus der Sicht von Cass’ Mutter Bess geschrieben. Man sieht sie genervt zwischen den Freunden ihrer Tochter herumwuseln und Geschirr einsammeln, wobei ihr Fokus sicher nicht auf deren Gebrabbel und Gitarrengeklimper liegt. Zu ihrer anderen Tochter sagt sie in der Küche: „Also, ich glaube, deine Schwester nimmt Drogen.“ Stimmt. Die schon früh von der Beat Generation begeisterte Sängerin zieht sich einiges rein und ist auch dem Alkohol nicht abgeneigt.

Von der Beat Generation begeistert: Die Hauptfigur auf dem Buchcover.
Von der Beat Generation begeistert: Die Hauptfigur auf dem Buchcover.Foto: Carlsen

Zur Welt kommt Cass Elliot 1941 als Ellen Naomi Cohen. Ihr Vater wäre gern Opernsänger geworden, führt aber einen koscheren Lebensmittelladen in Baltimore. Sie selbst fasst als Teenager den Plan, Broadway-Star zu werden und nimmt Gesangsstunden. Mit 19 geht sie nach New York und nennt sich fortan Cass Elliot. Obwohl sie Folkmusik für überholt hält, steigt sie bei dem Folk-Trio The Big 3 ein. Später erkämpft sie sich mit einiger Hartnäckigkeit einen Platz bei den New Journeymen, aus denen 1965 The Mamas & the Papas aus L. A. werden.

Pénélope Bagieu vermittelt mit ihren schwungvoll-präzisen Bleistiftzeichnungen ein lebendiges Bild von ihrer schrägen, lauten aber auch mutigen und sensiblen Protagonistin. Rührend, wie sie etwa Elliots heimliche Liebe zu ihrem Bandkollegen Denny Doherty einfängt und die gruppeninternen Eifersüchteleien schildert. Bald wird den Blumenkindern kalt, und alle Blätter welken.

Pénélope Bagieu : California Dreamin’, Carlsen, 272 Seiten, 19, 99 Euro

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