"Charly 9" von Richard Guérineau : Mörderischer Monarch

Er segnete die Massaker der Bartholomäusnacht ab, verfiel dem Wahnsinn und starb mit 23 an Schwindsucht: Der Comic "Charly 9" porträtiert den französischen König Charles IX. schonungslos, einfühlsam und in stilsicheren Bildern.

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Galoopierende Wahnsinn: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Galoopierende Wahnsinn: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Splitter

Ein Mord?, fragt der französische König Charles IX. erstaunt auf der Eröffnungsseite von "Charly 9". Da weiß er noch nicht, dass er kurz darauf bereit sein wird, eines der größten Massaker in der französischen Geschichte anzuordnen. Gedrängt von seiner Mutter, seinem Bruder und seinen Ratgebern, lässt der König von Frankreich letztlich jedoch all seine Bedenken fallen. Im Alter von 22 Jahren segnet er das aus Politik und Religion geborene Blutbad ab, das als Bartholomäusnacht in die Geschichtsbücher eingehen soll - eine Nacht, die im August 1572 ganz Europa und England entsetzt, da in Paris Tausende Protestanten von Katholiken abgeschlachtet werden.

Das Blut, das nach diesem grausigen Kapitel der Hugenottenkriege an seinen Händen klebt, wird Charles für den Rest seines kurzen Lebens nicht mehr los. Außerdem verfällt er dem Wahnsinn: Er jagt Hasen und Hirsche durch den Louvre und möchte sein hungerndes, unzufriedenes Volk mit Maiglöckchen beschwichtigen.

Intrigen, Gewalt und Sex wie bei "Game of Thrones"

Richard Guérineaus Comic-Porträt dieses ruinösen Regenten, dessen Regierungszeit von Gewalt und Bürgerkrieg dominiert war, beruht auf dem 2011 veröffentlichten Roman "Charly 9" von Jean Teulé. Die geschichtliche Charakterstudie konzentriert sich darauf, wie der König von allen Seiten manipuliert wird und am Ende trotz seiner natürlichen Skrupel einknickt und riesige Gräuel in Kauf nimmt, um sich das Wohlwollen seiner Mutter zu sichern.

Doch auch der voranschreitende Irrsinn des Monarchen, der mit 23 an der Schwindsucht stirbt, ist ein zentrales Thema in dieser Momentaufnahme seines Lebens. Dabei gelingt es Guérineau durchaus, Sympathie und Mitleid für den glücklosen, wahnsinnigen König zu wecken, ohne ihn von seiner Schuld oder seinem Versagen freizusprechen.

Blutgetränkt: Die Hauptfigur auf dem Buchcover.
Blutgetränkt: Die Hauptfigur auf dem Buchcover.Foto: Splitter

Das als handlicher Hardcover-Band im Splitter Verlag erschienene "Charly 9" überzeugt nicht zuletzt durch Guérineaus stilistische und farbliche Sicherheit. Gekonnt bildet der 1969 geborene Künstler das historische Frankreich in einer besonders finsteren Periode ab und findet dennoch die Zeit für Hommagen an die frankobelgischen Comic-Klassiker "Johann und Pfiffikus" und "Lucky Luke".

Diese Buch-Adaption in Form eines gefälligen historischen Comic-Romans ist nie anachronistisch und in ihrer Inszenierung angenehm modern. Zudem erinnert sie daran, dass die Mischung aus Intrige, Gewalt und Sex keine Erfindung von "Game of Thrones"-Autor George R. R. Martin ist.

Richard Guérineau: Charly 9, Splitter, 128 Seiten, 19,80 Euro, Leseprobe auf der Website des Verlages.

Weitere Artikel unseres Autors Christian Endres finden Sie hier. Sein Blog findet sich hier: www.christianendres.de.

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