Comic-Adaptionen : Da fehlen Shakespeare die Worte

Zu Ehren des Dichters, dessen Todestag sich am 23. April zum 400. Mal jährt: Ein Piktogramm-Spektakel – und alles von Duckspeare.

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Und jetzt? Eine Szene aus "Shakespeare ohne Worte".
Und jetzt? Eine Szene aus "Shakespeare ohne Worte".Foto: Dumont

Wo Worte selten sind, haben sie Gewicht“ heißt es in William Shakespeares Königsdrama „Richard II.“ – der Berliner Illustrator Frank Flöthmann geht noch weiter: Er lässt die Worte ganz weg und verschafft Shakespeares Dramen damit tatsächlich noch einmal neue Vielfalt und Tiefe. Mit „Shakespeare ohne Worte“ (Dumont, 104 S., 19.99 €) kreiert er für Hamlet, Macbeth, Othello, Romeo und Julia und den „Sturm“ eine Bühne aus vier konsequent flächig im Vollton genutzten Farben – Schwarz, Grün und Gold auf weißem Papier. Die Figuren konstruiert Flöthmann piktogrammhaft geometrisch, aber mit einem großen Reichtum an individuellen Details und Gesten. Sprechblasen – ohne Worte – helfen dem emotionalen und szenischen Verstehen neben Symbolen und Icons mit dem einen oder anderen Satzzeichen auf die Sprünge.

Die lyrischen Zwischentöne, rustikalen Gags und psychischen Abgründe aus den Shakespeare’schen Originalen, die sich im Comic nicht oder nur stark vereinfacht darstellen lassen, kompensiert der Bildautor mit unendlich vielen Details in fast jedem einzelnen Bild. Man muss schon sehr genau und immer wieder hingucken, um wirklich alle Facetten seiner akribischen Arbeit zu entdecken, zu entschlüsseln und einzuordnen. Die einzelnen Bilder der Strips sind so fein gebaut, dass man mit einem der fünf Dramen auf je etwa 20 Seiten locker eine erquickliche Abendunterhaltung bestreiten kann – ganz wie im Theater und durchaus auch zu mehreren: das Deuten, Interpretieren, Betexten und (Weiter- oder Nach-)Erzählen von Flöthmanns Piktogramm-Dramen macht selbst Kindern Spaß, die von Shakespeare noch nie etwas gehört haben.

1 oder 0, On oder Off – Sein oder Nichtsein? So übersetzt Frank Flöthmann Hamlet.
1 oder 0, On oder Off – Sein oder Nichtsein? So übersetzt Frank Flöthmann Hamlet.Foto: Dumont

Zwischen Raten und Erkennen ziehen die Bilder auch unvorbereitete Betrachter in die Handlung – wie komplexe Piktogramme, wenn sie gut sind. Wer sich darauf einlässt, kann Shakespeare auf diesem Weg kennenlernen. Wer mit den Dramen vertraut ist, genießt die humorvollen Aktualisierungen, präzise zugespitzten Klischees, konsum- und popkulturellen Anspielungen – wie im Theater. Und Flöthmann, der vor dem englischen Nationaldichter auch schon Grimms Märchen, Weihnachten und „Männer ohne Worte“ nacherzählt hat, geht weiter: Er provoziert Ableitungen, Umwege, und macht sich den Spaß, nach alternativen Wendungen und Ausgängen der Handlung zu fragen: Was würden wir tun? Was wäre jetzt die normale Reaktion …? – um das Drama dann doch, wieder ganz bei Shakespeare, in die nächste Eskalation zu treiben.

So fordert er seine Bilder-Leser heraus und macht sie zu Regie- und Dramaturgie-Komplizen: Je nach Vorkenntnis des Stoffs, Alter und Fantasie eröffnen sich unterschiedliche Fassungen und Ebenen der Dramen – eine tolle Wiederbelebung des englischen Nationaldichters zu seinem 400. Todestag im April.

Ente, klassisch: Das Cover von „Duck oder nicht Duck“.
Ente, klassisch: Das Cover von „Duck oder nicht Duck“.

Zu dem Anlass schlüpfen im Band „Duck oder nicht Duck“ auch Walt Disneys Enten in „Duckspeares gesammelte Werke“ (Egmont Comic Collection, 256 S., 19.99 €): Donald Duck, der tragische Held der Comicwelt, ist der unglücklich verliebte Don Romeo und der verquälte Hamlet, Prinz von Duckenmark – der knickerige Onkel Dagobert gibt standesgemäß den Kaufmann von Venedig. Vieles in dieser Sammlung der Duckschen Shakespeare-Parodien ist erwartbar, für Duck-, Disney- und William-Fans sehr amüsant – hier ist, wer Shakespeare kennt, klar im Vorteil.

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