Comic-Adaptionen : Streunende im Land der Wunder

Im Gefolge von Tim Burtons Film „Alice im Wunderland“ erlebt der Klassiker eine Renaissance auch als Bildgeschichte: Als ansprechender Kunst-Comic ebenso wie als blutrünstiger Guts’n’Gore-Schocker.

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Zeitloser Zauber. Auszug aus der neuen Adaption des Klassikers durch Chauvelle und Collette.Illustration: Collette

Es ist immer wieder erstaunlich, wie umfangreich das Crossmarketing ist, wenn einer der großen Namen der Traumfabrik die Verfilmung eines Comics - oder zumindest eines auch als Comic umgesetzten Stoffes - ankündigt. Auch im aktuellen Fall von „Alice im Wunderland“ reibt man sich überrascht die Augen, bei der schieren Anzahl von Merchandising-Produkten. Figuren aus Plüsch und Plaste aus den Fabriken Chinas überraschen keinen mehr, aber die punktgenaue Parallelveröffentlichung eines Philosophieratgebers für das wundersame Wunderland lässt mich schmunzeln.

Ich will beileibe das all diesen Veröffentlichungen zugrunde liegende Buch nicht verunglimpfen – es freut mich sogar sehr, dass das Werk, welches in der zeitgenössischen Kritik keinen leichten Stand hatte und zu Unrecht als „Nonsensliteratur“ abqualifiziert wurde, heute seine Weihen bekommt.

Möglicherweise liest nun der ein oder andere Erwachsene dieses kleine Buch, ob nun in der herkömmlichen oder in der wirklich ansprechenden aktuellen Comicform („Alice im Wunderland“ von David Chauvelle und Xavier Collette, Splitter-Verlag, 72 Seiten mit umfangreichem Bonusmaterial, 15,80 Euro) erneut und stellt fest wie zeitgemäß manche Figuren wirken.

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Der ständig hetzende Hase ist ein nahezu prototypischer Burnout-Kandidat, und die Herzkönigin geht vollkommen auf in ihrem quasi-virtuellen Hofstaat, in dem die Bereitschaft zur Enthauptung die erste Bürgerpflicht zu sein scheint.

Aber auch außerhalb der Neubebilderung durch Chauvelle und Collette erlebt der Stoff gerade eine Renaissance. Dies zeigt sich in der aktuellen Häufung von Adaptionen, natürlich ist da Tim Burtons Verfilmung, aber es entstand auch eine Bühnenadaption am Broadway, welche zumindest in der US-Presse lobende Erwähnung fand. Aber auch andere Formen der Annäherung an den Kinderbuchklassiker sind zu beobachten.

Bei Panini erschien beispielsweise unter dem Titel „Wonderland - Rückkehr ins Wunderland“ eine sehr düstere, blutrünstige und teilweise verstörende Bearbeitung. Hier hat die Kenntnis des Wunderlandes durchaus die Qualitäten einer Psychose und die inzwischen erwachsene Alice öffnet sich gleich zu Beginn im Schaumbad ihre Adern. Die lieblichen Figuren von einst sind nicht wiederzuerkennen, insbesondere die Grinsekatze, sonst verlässlicher Symphatieträger, treibt ein sehr garstiges und blutiges Spiel. Die Traumwelten des Originals scheinen Schattenseiten zu besitzen, von denen bislang noch nicht berichtet wurde.

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Die Guts’n’Gore-Gemeinde wird diesen Titel sicherlich goutieren.

Vor allem aber der aktuelle Comic von Chauvelle und Collette zeigt, dass auch im Falle einer nicht zu freien Adaption dem altbekannten Stoff nochmals neue Seiten abgewonnen werden können. Zwar endet der Comic, als Alice aus einem Schlummer auf einer Blumenwiese in den Armen ihrer älteren Schwester erwacht, aber der Kenner ist sich im Klaren darüber, dass die kindlichen Phantasien rund um die Metamorphosen der Figur weiter gehen werden. Denn die so schlicht wirkende Frage der Raupe nach der eigenen Person lässt sich nicht leichtfertig beantworten - wer von uns kann schon ad hoc Auskunft geben über sich und seine Gefühlswelten, ohne in ein tiefes Grübeln zu verfallen?

In Alice, dieser Streunenden im Land der Wunder, manifestiert eine Sehnsucht nach einer verzauberten Welt, einer Welt der Möglichkeiten, der Rätsel und der spontanen Veränderbarkeit der eigenen Person, frei von Zwängen und Hemmnissen.

Neben der bereitwilligen Wandelbarkeit der Figur fällt ihr Versuch ins Auge, sich auch in die absurdesten Figuren dieser Welt einzufühlen zeigt eine neugierige, suchende Weisheit, die möglicherweise nur den Kindern vorbehalten ist und über deren Verlust ein viktorianischer Autor in einem lange unterschätzen Klassiker trauernd Auskunft geben kann. Was bleibt – ein Klassiker, zum Wiederlesen, zum Neuentdecken und zum erneuten Bereisen mit der umfangreichen Sekundärliteratur – ist also weit mehr, als bloß eine schnöde Verfilmung eines Comics. Schön.

David Chauvelle (Autor) und Xavier Collette (Zeichner): „Alice im Wunderland“, Übersetzung Tanja Krämling, 80 Seiten, 15,80 Euro,
Splitter. Leseprobe unter diesem Link.
Raven Gregory, Al Rio, Rich Bonk: Rückkehr ins Wunderland, 192 Seiten, 19,95 Euro,
Panini. Leseprobe unter diesem Link.

Mehr von unserem Autor Markus Dewes finden Sie auf seinem Blog derdigitaleflaneur.blogspot.com, mehr seiner Beiträge für den Tagesspiegel gibt es unter diesem Link.

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