Comic-Album „Tomboy“ : Killer im Körpertausch

Noir-Thriller mit Gimmick: Der Comic „Tomboy“ spielt mit der Transgender-Thematik und zeigt: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Lara Keilbart
Vor der Transformation: Eine Seite aus dem besprochenen Album.
Vor der Transformation: Eine Seite aus dem besprochenen Album.Foto: Splitter

Eigentlich ist es eine ganz klassische Geschichte: Ein Profikiller wird verraten, muss sich psychisch und physisch zurück ins Leben kämpfen und rächt sich am Ende an allen, die ihm Unrecht getan haben. Was „Tomboy“ von anderen Hardboiled-Thrillern unterscheidet, ist die Art des Verrats. Denn Protagonist Frank Kitchen wird nicht gefoltert oder verliert seine Familie, seine Strafe ist ein anderer Körper. Trifft Frank auf Menschen, sehen sie nun ein Frau vor sich.

Das französische Kreativduo Matz und Jef hat nach “Querschläger” nun erneut ein Drehbuch von Autor und Regisseur Walter Hill adaptiert. „Tomboy“ vermittelt dementsprechend tatsächlich das Gefühl, einen Film anzusehen. In bester Crime-Noir-Tradition bildet Franks Erzählstimme aus dem Off die narrative Grundlage der Geschichte. Außerdem wirken die Perspektiven und Positionen der Figuren wirken wie Standfotos von Filmszenen. Der Comic zeigt oft extreme Nahaufnahmen, auf der ersten Seite etwa sieht man fast nur Franks Augen.

Eine Dynamik wie bei Guy Ritchie

Allgemein spielt die Mimik mit besonderem Fokus auf die Augen eine zentrale Rolle bei Jefs Zeichnungen. Auch abseits der Gesichter zoomt Jef immer wieder sehr nah in das Geschehen hinein. Dabei verwendet er oft kleine Panels mit wechselnden Details. So erzeugt er beim Lesen die Dynamik von kurz aneinander geschnittenen Bildern, ein Stilmittel wie es der Regisseur Guy Ritchie gerne verwendet. Damit ergibt sich ein interessanter, moderner Gegenpart zu den eher klassischen, langsameren Dialogszenen. 

Durst nach Rache: Das Cover des besprochenen Albums.
Durst nach Rache: Das Cover des besprochenen Albums.Foto: Splitter

So wie Jefs realistischer Zeichenstil, unterstützt auch Matz' Textebene das Filmische. Wenn Frank in den eckigen Textboxen als Erzähler fungiert, tendiert er zu längeren, erklärenden Monologen, oft aufgeteilt auf mehre Panels und Seiten. Spricht Frank direkt, ist er kurz angebunden und direkt. Selten ist er um einen flapsigen Kommentar verlegen.

Die Geschichte macht es sich allerdings auch an einigen Stellen etwas zu einfach. Nicht nur was Franks Körpertausch angeht, auch das eine oder andere Logikloch muss man schlucken. Dass sich etwa ein Profikiller mit schnellen Reflexen und Martial-Arts-Fähigkeiten von zwei Obdachlosen überfallen lässt, erscheint fragwürdig.

Auch Franks Umgang mit dem veränderten Körper ist zu schnell und zu einfach. Ein Panel, in dem das abgedroschene Problem gezeigt wird, mit hohen Absatz-Schuhen zu Laufen, ist da nicht genug. Das Kapitel, in dem ein Priester versucht, Frank zu ehrlicher Arbeit zu verhelfen, scheitert. Nicht Selbstreflektion und ein geregelter Alltag helfen Frank, sondern der Durst nach Rache gibt ihm Kraft und eine Aufgabe. Auslöser dafür ist das Aufeinandertreffen mit einem Obdachlosen, der Frank zuvor ausgeraubt hatte. „Ihn zu töten, war nicht der Mühe wert. Er hatte mir sogar einen Dienst erwiesen: Jetzt wusste ich wieder, wer ich war und was ich zu tun hatte,“ sagt Frank. „Pater Patrick hatte mir das Leben gerettet. Aber nun hatte ich anderes zu tun und alte Rechnungen zu begleichen.“

Zudem bleiben die Figuren vom Gangster über windige Motelbesitzer und Gute-Samariter-Priester bis zur Femmes fatale eindimensional und klischeetrunken. Selbst Franks Charakterentwicklung gestaltet sich eher oberflächlich.

Ein erzwungener Perspektivwechsel

Neben diesen Schwächen scheitert „Tomboy“ aber an einem ganz grundsätzlichen Punkt: Der Umgang mit der Transgender-Thematik. „Wann immer man in der Fiktion von Transgender spricht, geht es immer eine Frau oder ein Mann, die ihre bzw. seine sexuelle Identität verändern will und wie sie damit klarkommen. Aber in unserem Fall ist es ein Typ, der das gar nicht will und dazu gezwungen wird,“ sagt Autor Mats. Transgender zu sein wird in „Tomboy“ somit zur Strafe.

Neben der negativen Kodierung wird das Trans-sein darüber hinaus benutzt, um Frank einen Perspektivenwechsel aufzuzwingen. Denn nun, da er als Frau gelesen wird, erfährt er wie übergriffig und gewalttätig sich Männer gegenüber Frauen verhalten. Diese Art des Spiegelvorhaltens gab es bereits 1991 im Film „Switch – Die Frau im Manne“. Damals wie heute suggeriert dieser Körpertausch bzw. Gender Trouble Narrative, dass Männer erst dann ihr Fehlverhalten erkennen, wenn sie selbst Opfer davon geworden sind.

Da Frank einen normschönen Körper bekommt, wird seine Geschlechtszugehörigkeit nie in Frage gestellt. Somit erfährt er auch keine trans-spezifische Gewalt. Da aber gerade Trans-Frauen oft Ziel von Hass, Belästigung und Gewalt werden, ist diese Auslassung mindestens grob fahrlässig.

Gaffende Faszination der Transformation

So drängt sich der Verdacht auf, das Kreativtrio hat sich nicht wirklich mit der Thematik auseinandergesetzt. Stattdessen wirkt sie wie ein Gimmick, etwas zum Anstarren. Die Darstellung ist getrieben von einer gaffenden Faszination der Transformation. Diese Exotik macht das Trans-sein zu etwas Seltsamen, Fremdartigen und schafft so Distanz anstatt Vorurteile abzubauen. Auch Splitter schließt sich dem an, denn der Titel „Tomboy“ ist irreführend und falsch. Transgender und Tomboy haben nichts miteinander zu tun und beschreiben völlig unterschiedliche Dinge. Warum man den französischen Originaltitel „Corps et âme“ nicht einfach mit „Körper und Geist“ übersetzt hat, bleibt ein Rätsel.

Parallel zur Entstehung des Comics hat Walter Hill sein Skript auch verfilmt. Mit Michelle Rodriguez, Sigourney Weaver und Tony Shalhoub ist der Film prominent besetzt und kommt 2017 in die Kinos. Die harschen Kritiken, die der Film bei einigen Filmfestivals abbekam, lassen aber auch hier nichts gutes erahnen.

„Tomboy“ ist ein erschreckend klares Beispiel von „gut gemeint ist nicht gut gemacht“. Insgesamt bekommt man eher einen optisch ansprechenden Pulp-Roman mit Spektakel als einen klug und kreativ inszenierten Crime-Thriller. Dieses Skript hätte lieber in der Schublade bleiben sollen.

Matz / Jef / Walter Hill: Tomboy, Splitter, 128 Seiten, 24,80 Euro

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