Comic-Bestenliste : Die besten Comics 2013 - Lars von Törnes Favoriten

Welches sind die besten Comics des zu Ende gehenden Jahres? Das wollen wir von unseren Lesern und von Comic-Kritikern wissen. Heute: Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne.

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Jahrhundertcomic: Eine Seite aus Chris Wares „Jimmy Corrigan“.
Jahrhundertcomic: Eine Seite aus Chris Wares „Jimmy Corrigan“.Foto: Reprodukt

In den vergangenen Wochen haben wir unsere Leser gefragt, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren. Parallel dazu war wie bereits im vergangenen Jahr wieder eine Fachjury gefragt. Sie besteht aus Anne Delseit (AnimaniA, Comix), Lutz Göllner (zitty), Volker Hamann (Reddition), Matthias Hofmann (Alfonz), Martin Jurgeit (Comix), Stefan Pannor (Spiegel Online), Frauke Pfeiffer (Comicgate), Andreas Platthaus (FAZ) und Lars von Törne (Tagesspiegel).

Jedes Jurymitglied war aufgefordert, unter den im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen Titeln seine fünf Favoriten zu nennen und die Auswahl kurz zu begründen. Daraus ergab sich eine Shortlist, über die die Jury jetzt endgültig abgestimmt hat. Das Ergebnis wurde am Donnerstag im Tagesspiegel veröffentlicht.

Hier dokumentieren wir die Favoriten von Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne.

Platz 5
"The Chronicles of The Clueless Age" von Otsuichi und Usamaru Furuya (Egmont Manga)
Aus Japan haben mich in letzter Zeit vor allem jene Erzählungen angesprochen, die die Verlorenheit der jungen Generation in der Leistungsgesellschaft thematisieren. Dazu gehören vor allem die viel gelobten Manga von Inio Asano, wenngleich er mir zeichnerisch teilweise zu erkennbar mit Fotoelementen arbeitet, was den visuellen Genuss beim Lesen schmälert. Eine Erzählung, die mich dagegen nicht nur erzählerisch sondern auch zeichnerisch umgehauen hat, ist „The Chronicles of The Clueless Age“ von Otsuichi und Usamaru Furuya. In acht Episoden führen die beiden die Entfremdung junger Japaner vor Augen, die sich vor dem für sie schwer zu ertragenden Schul- und Pubertätsalltag auf unterschiedliche Weise in Fantasiewelten flüchten. Wahn und Wirklichkeit gehen hier sowohl erzählerisch als auch visuell nahtlos ineinander über. Die Zeichnungen sind eine reizvolle Kombination aus makellosen, klaren Darstellungen mit surrealistischen Exkursionen, die die (Alp-)Traumwelten der jungen Hauptfiguren angemessen illustrieren. Eine großartige Entdeckung, die ich unserem Autor Michel Decomain zu verdanken habe. Von diesem Kaliber wünsche ich mir fürs kommende Jahr mehr Manga!

Platz 4
"Das Erbe" von Rutu Modan (Carlsen)
Nichts ist, wie es scheint in diesem Buch. Die Reise der israelischen Rentnerin Regina Segal nach Warschau dient offenbar nur vordergründig der Sicherung des während der deutschen Besatzung verlorenen Familienbesitzes. Mit Glück und detektivischem Spürsinn kommt die mitgereiste Enkelin Mika nach und nach hinter ein dunkles Familiengeheimnis, dessen volle Tragweite auch die geheimniskrämerische Großmutter nicht kannte. Vergangenheit und Gegenwart, Trauma und Lebensfreude liegen in dieser klug konstruierten Erzählung dicht beieinander. In klaren, an Hergé erinnernden Bildern führt die israelische Zeichnerin tief in die israelisch-polnisch-deutsche Geschichte und erzählt zugleich reflektiert und unterhaltsam von der Gegenwart. Dank ihres enormen zeichnerischen Könnens, ihrer genauen Beobachtungsgabe und ihres ironischen Witzes folgt man der Autorin gerne auch durch traurige, schmerzhafte Wendungen, die die von der Familiengeschichte der Autorin inspirierte Erzählung bereithält.

Lars von Törne.
Lars von Törne.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Platz 3
"Kiesgrubennacht" von Volker Reiche (Suhrkamp)
Voller fiktiver Elemente und doch sehr real, cartoonhaft leicht gezeichnet und doch tiefgreifend, verstörend und aufmunternd, traurig und witzig: Volker Reiches autobiografische Graphic Novel „Kiesgrubennacht“ ist ein Buch der Kontraste geworden, ein Wechselbad der Gefühle und Perspektiven. Vor allem aber ist es erzählerisch und zeichnerisch souverän bis in den letzten Strich - einer der nachhaltig beeindruckendsten deutschen Comics seit langem. Reiche, Jahrgang 1944, kontrastiert seine Erinnerungen an die Jugend als Kriegskind doppelt. Zum einen tritt sein erwachsenes Comic-Alter-Ego neben den kleinen Jungen, der er einst war. Zum anderen tauchen die altklugen Comictiere, die man aus „Strizz“ kennt, als kritische Kommentatoren auf. Diese Wechsel sind anfangs irritierend, ergeben jedoch im Verlauf der Erzählung eine bemerkenswerte Tiefe. Darüber hinaus ist die Erzählung dank Reiches selbstkritischer Sicht auch eine Auseinandersetzung mit der Weitergabe aggressiver Verhaltensmuster an folgende Generationen und mit der Unzuverlässigkeit von Erinnerungen. Ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie ertragreich Erinnerungsarbeit auch knapp 70 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit sein kann – für die Betroffenen wie in diesem Fall auch für die Leser.

Platz 2
"Saga" von Brian K. Vaughan und Fiona Staples (Cross Cult)
Es kommt nicht oft vor, dass ich meine vor allem für Zeichnerinnen wie Anke Feuchtenberger oder Nadia Budde schwärmende Frau für eine US-amerikanische Heftchenreihe begeistern kann. „Saga“ ist die ganz große Ausnahme. Die von Brian K. Vaughan geschriebene und von Fiona Staples gezeichnete Serie, von der soeben der zweite Sammelband auf Deutsch erschienen ist, ist mit seiner Mischung aus krachender Sci-Fi-Action, klugem Storytelling, sensibler Charakterzeichnung und feinem Humor der Konsens-Titel das Jahres bei uns daheim. Von Vaughan bin ich ja spätestens seit „Y – The Last Man“ ein großer Fan, aber im Zusammenspiel mit Staples hat er sich selbst übertroffen. Und dank einer gelungenen deutschen Übertragung durch Marc-Oliver Frisch machen die herrlichen Dialoge auch auf Deutsch großen Spaß. Großes Comic-Kino mit Suchtfaktor: Sammelband 2 habe ich bereits auf Englisch verschlungen, jetzt zähle ich unruhig die Monate bis zum Erscheinen des dritten Sammelbandes.

Platz 1
"Jimmy Corrigan" von Chris Ware (Reprodukt)
Er macht es seinen Lesern nicht leicht. Um dieses Buch in seiner ganzen Komplexität und Schönheit zu erfassen, habe ich es mehrmals lesen müssen – und bis heute entdecke ich bei der erneuten Lektüre dieser tieftraurigen Familiengeschichte immer wieder Bilder und Episoden, die sich mir zuvor in ihrer Bedeutung nicht ganz erschlossen hatten. Aber wer sich auf Chris Wares verschachtelte Erzählung „Jimmy Corrigan“ einlässt, wird so reich belohnt wie bei kaum einem anderen Comic, den ich in den vergangenen Jahren gelesen habe – mal abgesehen von Wares jüngstem Geniestreich „Building Stories“. Anlässlich seiner deutschen Übertragung Anfang dieses Jahres habe ich „Jimmy Corrigan“, welches ich erstmals vor rund zehn Jahren in den USA für mich entdeckte, kürzlich bereits zwei Mal wieder gelesen und bin unverändert begeistert. Nicht viele Comics altern so gut. Die Charakterentwicklung der einfühlsam gezeichneten Hauptfiguren, die Zeit und Raum durchdringende Handlung, das Oszillieren zwischen Fantasie und Realität, der Kontrast von tiefer Emotionalität und makellosen Bildkompositionen – dieses Buch ist eines der ganz großen Comic-Wunderwerke. Und die deutsche Übertragung durch den Reprodukt-Verlag ist bis ins den letzten Buchstaben geglückt.

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