Comic-Bestenliste : Die besten Comics 2013 - Matthias Hofmanns Favoriten

Welches sind die besten Comics des zu Ende gehenden Jahres? Das wollen wir von unseren Lesern und von Comic-Kritikern wissen. Heute: Matthias Hofmann (Alfonz - Der Comicreporter).

Matthias Hofmann
Wahn und Wirklichkeit: Eine Seite aus "Ardalén". Foto: Egmont
Wahn und Wirklichkeit: Eine Seite aus "Ardalén".Foto: Egmont

In den vergangenen Wochen haben wir unsere Leser gefragt, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren. Parallel dazu war wie bereits im vergangenen Jahr wieder eine Fachjury gefragt. Sie besteht aus Anne Delseit (AnimaniA, Comix), Lutz Göllner (zitty), Volker Hamann (Reddition), Matthias Hofmann (Alfonz), Martin Jurgeit (Comix), Stefan Pannor (Spiegel Online), Frauke Pfeiffer (Comicgate), Andreas Platthaus (FAZ) und Lars von Törne (Tagesspiegel).

Jedes Jurymitglied war aufgefordert, unter den im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen Titeln seine fünf Favoriten zu nennen und die Auswahl kurz zu begründen. Daraus ergab sich eine Shortlist, über die die Jury jetzt endgültig abgestimmt hat. Das Ergebnis wurde am Donnerstag im Tagesspiegel veröffentlicht.

Hier dokumentieren wir die Favoriten von Matthias Hofmann, Chefredakteur der Fachzeitschrift Alfonz - Der Comicreporter.

Platz 5
"Der Affe von Hartlepool" von Wilfrid Lupano und Jérémie Moreau (Avant)
Bei den kleinsten Verlagen findet man oftmals die größten Perlen. Der Berliner avant-verlag ist so ein Trüffelschwein, das immer wieder Comicschätze ausgräbt, die keiner so richtig auf dem Plan hatte. Letztes Jahr war es die ultrafesselnde Sklavengeschichte "Atar Gull", dieses Jahr ist es "Der Affe von Hartlepool", die nicht minder beeindruckende Comicfassung eines verstörenden Ereignisses, das sich in einem englischen Küstenstädtchen während der Napoleonischen Kriege 1814 abspielte. Nach einem Schiffsunglück wird dort das Schiffsmaskottchen, ein Affe in französischer Offiziersuniform, an Land gespült. An sich nichts schlimmes, aber die Hartlepooler haben noch nie einen echten Franzosen gesehen, und auch keinen Schimpansen, aber da sie die "Froschfresser" hassen und der seltsame Fremde übel riecht, unrasiert und klein wie Bonaparte ist, sehen sie in ihm einen französischen Spion, der ins Jenseits befördert werden muss. Hier trifft der Verlagstext mal wirklich den Nagel auf den Kopf: Ein Comic, der schonungslos die Folgen von Rassismus und nationalistischer Verblendung aufdeckt. Und bei der Darstellung so manch krasser Blödheit muss man aufpassen, dass einem das Lachen nicht im Halse stecken bleibt. Gratis gibt’s noch diesen zusätzlichen Gruseleffekt: Der Affe von Hartlepool basiert auf einer "wahrenLegende".

Platz 4
"Kiesgrubennacht" von Volker Reiche (Suhrkamp)
Von den deutschen Beiträgen des Jahres 2013 möchte ich "Kiesgrubennacht" von Volker Reiche aus der Masse hervorheben. Im zunehmenden Adaptionswahnsinn unter den Autoren von Graphic Novels, wo man sich damit übertrifft entweder die Biografien von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens als Comic zu rekapitulieren oder Werke der Weltliteratur nachzuerzählen, fällt Reiches autobiografische Abrechnung mit seiner eigenen Historie, aber vor allem seinem Vater, auf. Reiche hat mit seinem Comic nicht nur etwas Persönliches und Eigenständiges geschaffen, sondern auch des Kunststück gemeistert, dem schon ziemlich ausgelutschten Thema "Die düstere NS-Zeit und ihre Folgen auf die Nachkriegsgeneration" eine neue Facette abzugewinnen. Die schonungslose Offenlegung des dubiosen Wirkens seines Vaters (inklusive dessen ambivalenter Wirkung auf seine Kinder), gepaart mit Reflexionen durch aus Reiches Comic Strizz bekannten Figuren und angereichert durch viele interessante Vignetten aus seiner Kindheit, grenzt in ihrer Komplexität an die Qualität "grafischer Hochliteratur". Und wenn es in Zukunft im Deutsch-Unterricht der Oberstufe um Nachkriegsliteratur geht, könnte ich mir vorstellen, als Ergänzung zu den Werken von Grass, Lenz & Co., auch mal mutig diesen Reiche-Band auf den Lehrplan zu setzen.

Matthias Hofmann. Foto: Privat
Matthias Hofmann.Foto: Privat

Platz 3
"Das Feld des Regenbogens" von Inio Asano (Tokyopop)
Auch dieses Jahr nehme ich bewusst einen Manga unter die Top 5, denn immerhin machen Comics aus Japan fast ein Drittel des Neuheitenausstoßes eines Jahres aus. Meine Wahl fiel auf "Das Feld des Regenbogens" von Inio Asano. Der Japaner gehört zu den jungen, gesellschaftskritischen Mangaka mit markanter Erzählweise und wird gerade mit einer Werkausgabe für den deutschen Markt zugänglich gemacht. Die Bände stehen für den publizistischen Mut eines Verlags wie Tokyopop, der die löbliche, aber oft brotlose Kunst auf sich nimmt, auch niveauvolle Manga für Erwachsene zu lizensieren. In diesem Einzelband schildert Asano auf unkonventionelle Weise die Schicksale dreier Kinder aus denen drei junge Erwachsene werden. Die realistisch ausgearbeiteten Zeichnungen mit ihrem cineastischen Panelaufbau sind fast über jede Kritik erhaben und fallen direkt ins Auge. Anders verhält es sich bei der Lektüre des Mangas, denn die ist in jeder Hinsicht harter Tobak und fordert selbst den ambitioniertesten anspruchsvollen Leser bis aufs Äußerste. Geboten wird eine mehrschichtige Handlung, die man wie eine Zwiebel entblättern muss, eine non-lineare Erzähltechnik, die äußerste Konzentration beim Lesen erfordert, und eine Komplexität von Charakteren, die keinem gewöhnlichen  Bild entsprechen. "Das Feld des Regensbogens" führt den Leser auf eine erweiterte Ebene der Rezeption, die zu mehrmaligem Entschlüsseln zwingt. Fast scheint es, als wären Gehirnwindungen von Kurt Vonnegut jr., Thomas Pynchon und Bret Easton Ellis in Honshū reinkarniert worden. Eine wahrhaftige Offenbarung für Fortgeschrittene.

Platz 2
"Blau ist eine warme Farbe" von Julie Maroh (Splitter)
Was für ein Debüt! "Blau ist eine warme Farbe" ist die Vorlage zum gleichnamigen Film, der dieses Jahr in Cannes mit der „Goldenen Palme“ ausgezeichnet wurde und für einige Kontroversen sorgte. Es geht um gleichgeschlechtliche Liebe, offenbar auch 2013 noch ein Tabuthema für viele. Julie Maroh, die selbst lesbisch ist, zeichnete mit der Geschichte einer verhängnisvollen Beziehung zwischen zwei Mädchen nicht nur eine unter die Haut gehende Gesellschaftskritik, sondern auch eine der schönsten Liebesgeschichten der letzten Jahre. Es sind die Momente der Superauthentizität, die aufkeimende Zuneigung, die Selbstzweifel, die krank machende Homophobie seitens der Umwelt, das Coming Out und die damit verbundene Tragik, die diese Graphic Novel zum Mahnmal dafür machen, dass innere und äußere Zwänge ein Menschenleben kaputt machen können. Im übertragenen Sinne gilt das für alles menschenfeindliche Verhalten, neben der Angst vor Homosexualität auch für Rassismus oder Sexismus. Ein in vielerlei Hinsicht intensiver Stoff, den Maroh gezielt und glaubwürdig inszeniert. Nicht nur für Leute, die am Ende des Films "Philadelphia" schluchzen mussten, sondern ein wahrer Augenöffner, für alle, die vergessen haben, wie schnell im realen Leben Vorurteile gefällt werden.

Platz 1
"Ardalén" von Miguelanxo Prado (Egmont Graphic Novel)
Auch Miquelanxo Prado macht es dem Leser mit seiner Graphic Novel "Ardalén" nicht leicht. Das Werk ist für mich der beste Comic des Jahres, weil der kritische Spanier hinter all seinen wirklich bezaubernd schönen Zeichnungen dieses vielschichtigen Buches ein ganz schön kniffliges Puzzlespiel konstruiert hat, das nicht mal eben so vorm Schlafengehen zu lösen ist. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer ausgeklügelten, zum Nachdenken anregenden Lektüre belohnt, die lange im Bewusstsein nachhallt. Wer allzu schnell kapituliert, dem geht es möglicherweise so, wie dem alten Fidel, einer der beiden Hauptpersonen in Ardalén, denn der alte Mann hat Probleme, zu unterscheiden, was er von seinem langen Leben wirklich erlebt hat und was nicht. Erinnerungen, und was davon übrig bleibt, prägen einen Menschen. Sie sind das faszinierende Thema dieses Gesamtkunstwerks. Die teilweise surreale Verschmelzung von Traum und Erinnerung, der raffinierte Einsatz verschiedenster Erzählformen wie fiktive Sachartikel, Briefe oder Urkunden und besonders die vollendet schöne Kreidestrichtechnik Prados heben diese Graphic Novel über alles hinaus, was 2013 unter dem Label so erschienen ist. Das ist reine Gedankennahrung im besten Sinne, wie sie nur das Medium Comic möglich macht. ¡muy bien!

Die Favoriten der anderen Jurymitglieder veröffentlichen wir nach und nach in den kommenden Tagen. Am 19. Dezember geben wir die Gewinner der Gesamtauswahl bekannt.  Und eine erste Auswahl der Favoriten unserer Leser gibt es hier.

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